Politik

„Puschi 15“ in Schwerin: Wo ein Grüner beweist, dass man die Einsamkeit der Landeshauptstadt auch mit einem leeren Laden nicht besiegen kann

Schwerin (ots/po) – Wo bis vor wenigen Wochen noch eine Stickerei und davor eine Kneipe betrieben wurde, ist jetzt das „Puschi 15″. Ein Nachbarschaftstreff. In der Puschkinstraße. In Schwerin. Klingt erstmal harmlos – ist es auch. Und genau das ist das Problem.

Initiator Sebastian Hüller, 26 Jahre alt, Fachinformatiker, seit drei Jahren in Schwerin lebend und im September Landtagskandidat der Grünen, hat das Ladenlokal kurzerhand zu dem umfunktioniert, was die Stadtverwaltung seit Jahren verspricht und nie liefert: einen öffentlichen Raum, in dem Menschen einfach sein dürfen. „Nutze es, aber sei respektvoll“, fasst Hüller das Konzept zusammen. Das ist eine niedrigschwellige Hürde – niedriger als die meisten Schwellen in Schwerin ohnehin schon sind.

Ein Raum, der nichts kostet – außer Nerven

Die Idee: „Dritte Räume“ – Orte neben Zuhause und Arbeitsplatz, an denen Menschen unkompliziert zusammenkommen können. Spielenachmittage, Filmabende, Initiativen-Treffen. Das klingt so einfach, dass man sich fragt, warum die Stadt das nicht einfach baut. Andererseits: Wenn die Stadt in 20 Jahren einen Radweg hinkriegt, soll sie auch noch Begegnungsstätten hinkriegen?

„Politiker sollten sinnvoll mit ihren Mitteln umgehen. Bevor die Büros leer rumstehen, wollten wir sie befüllen.“

– Sebastian Hüller, 26, Fachinformatiker und Grünen-Landtagskandidat

Hüller, der das Projekt bis zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September auch als Wahlkampfbüro nutzt, sagt: „Wir sind einfach hier und hören den Menschen zu und kommen ins Gespräch.“ Was sich anhört wie eine Selbstverständlichkeit, ist in Schwerin tatsächlich eine politische Leistung. Die Stadtratsfraktionen hören den Menschen meist nur dann zu, wenn sie danach gleich wieder einen Antrag stellen können.

Helfer, Kartenspieler, ein lokaler Künstler

Das Konzept geht auf. Schon nach wenigen Wochen haben sich erste feste Gruppen gebildet. Kartenspieler kommen einmal pro Woche, ein lokaler Künstler stellt seine Werke aus, Workshops finden statt. Patrick Hahn, Praktikant und Hüllers Unterstützung bis zum Wahltag, sagt: „Jeder kann einfach reinkommen, seinen Laptop aufschlagen und etwas machen oder wir kommen ins Gespräch.“ Der Treffpunkt ist bewusst niedrigschwellig angelegt. „Es ist ein Ort, um sich ihn selbst eigen zu machen“, fügt Hüller hinzu.

Es ist die ehrlichste Form von Politik, die Schwerin seit Langem gesehen hat – und gleichzeitig die stillste. Ein Raum, in dem nichts passieren muss, damit etwas passiert. Während oben in der Stadtverwaltung gerade die dreizehnte Arbeitsgruppe zur Belebung der Innenstadt gegründet wird, sitzt unten in der Puschkinstraße jemand und repariert ein Fahrrad. So sieht Infrastruktur aus, wenn man sie nicht ausschreibt.

Nach der Wahl: Verein? Büro? Niemand weiß es

Was passiert nach dem 20. September? Hüller ist ehrlich: „Ich hoffe natürlich, dass ich in den Landtag gewählt werde. Dann möchte ich das Büro hier weiterführen.“ Falls nicht, soll es vielleicht ein Verein werden. Falls doch, wird das Büro vermutlich in den Landtag verlegt – und der leere Laden in der Puschkinstraße bleibt ein leerer Laden. So wie davor die Stickerei. So wie davor die Kneipe.

Aber für den Moment ist das „Puschi 15″ das, was Schwerin in seiner Selbstdarstellung immer ist und in der Realität selten: ein Ort, an dem man einfach reinkommen kann. Man darf das zu würdigen wissen, auch wenn man findet, dass eine Landeshauptstadt mit 96.000 Einwohnern eigentlich mehr als einen Grünen mit Herz, einen Praktikanten und einen leerstehenden Laden braucht, um die Einsamkeit zu besiegen.

Am Ende wird der Erfolg des „Puschi 15″ daran gemessen, ob es nach der Wahl noch da ist – oder ob Schwerin wieder einen Ort weniger hat, an dem es einfach sein darf. Die Antwort wird zeigen, was die Stadt vom demokratischen Miteinander hält: Wenn überhaupt nur so lange, wie es jemandem nützt.

Foto: Eyüpcan Timur / Pexels

Quelle: Nordkurier

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