Gesellschaft

Minus 87 an der Schlossstraße: Schweriner lassen sich jetzt freiwillig zu Eisklötzen verarbeiten

Schwerin, Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern, hat eine neue Kältekammer. Minus 87 Grad Celsius. Freiwillig betreten. Mit Socken und Bademantel. Wer in Schwerin zu viel Geld für die Heizung ausgibt, kann sich das jetzt sparen – die Kälte kommt einfach zu einem nach Hause, in Form einer drei-minütigen Sitzung in einer Stahlbox, die aussieht wie ein überdimensionierter Humidor für Eisheilige.

„Das war echt ein Schock“, sagte eine Probandin gegenüber der Ostsee-Zeitung. Sie lachte dabei, aber nur, weil sie kurz zuvor erfroren war. Außen.

Wenn die Stadt selbst zur Kältemaschine wird

Man muss sich das einmal vorstellen: Schwerin, immerhin Landeshauptstadt eines Bundeslandes, dessen Wärmeplan vor wenigen Tagen erst beschlossen wurde, um die Bürger behutsam in eine klimaneutale Zukunft zu geleiten. Und was machen die Bürger? Sie gehen freiwillig in eine Box und kühlen sich auf Temperaturen herunter, bei denen sich herkömmliche Tiefkühltruhen diskret abschalten und um Gnade winseln.

Die Kältekammer steht, wie könnte es anders sein, an der Schlossstraße. Nicht weit vom Schloss, ein paar Hundert Meter von der Staatskanzlei entfernt. Was sagt das über die Stadt? Wahrscheinlich nichts Gutes. Aber irgendwer muss ja den Personalbestand der Schweriner Fitnessstudios auf Trab halten. Und für Sportmarketing ist minus 87 Grad nun mal unschlagbar. Wer bei Instagram mit einem Eisbeutel im Gesicht posiert, hat halt noch nicht probiert, was minus 87 Grad mit einer ungeschützten Hautpartie anrichtet.

Hartgesottene Schweriner, weiche Kommunalpolitik

Anwohner Wolfgang Krause (62), seines Zeichens Briefträger im Ruhestand und chronisch unterkühlt, zeigt sich beeindruckt: „Endlich mal eine Innovation aus unserer Stadt, die nicht mit dem Bus nach Hamburg fährt.“ Seine Frau Helga (59), die seit der Wende dieselbe Wohnung in der Fritz-Reuter-Straße heizt, ergänzt: „Wenn die Kammer zugemacht hat, ist es drinnen wärmer als draußen – wo wir gerade ein bisschen sparen müssen, ist das praktisch. Hauptsache, die Miete friert nicht auch noch ein.“ Die Miete in Schwerin friert nicht ein. Die friert sich einfach so.

Aus der Schweriner Stadtverwaltung heißt es, man prüfe derzeit, ob die neue Kältekammer als offizielle Klimaschutz-Maßnahme anerkannt werden kann. Schließlich spare jeder Bürger, der sich drei Minuten bei minus 87 Grad aufhalte, im Durchschnitt vier Minuten Heizung pro Tag ein. Ob das stimmt, ist nicht überliefert. Aber es klingt nach der Art von Rechnung, die in Schwerin funktioniert. Was nicht passt, wird halt passend gemacht.

Eine Sprecherin der Anlage erklärt, der Andrang sei seit Eröffnung „ enorm“ – vornehmlich Läufer, Kraftsportler und stadtbekannte Fitness-Studio-Betreuer. Auch vereinzelte Politiker aus dem Schweriner Landtag sollen sich angekündigt haben, „ um zu zeigen, dass wir die Sorgen der Bürger ernst nehmen“, wie es in der Mitteilung heißt. Welche Sorgen genau, blieb offen. In Schwerin nimmt man grundsätzlich alles ernst, solange man es bei minus 87 Grad hinter sich bringt.

Schwerin, tiefgekühlt, aber stolz

Die Kältekammer soll ab nächster Woche auch eine Vorzimmer-Variante für unterversorgte Berufsgruppen anbieten – insbesondere für die ehemaligen Mitarbeiter der Schweriner Stadtverwaltung, deren Bürokratie-Erfahrung sie prädestiniert dafür mache, „sich auf absolutem Nullpunkt der Verwaltungstätigkeit“ zu bewähren. Eine Bewerbung ist nicht nötig. Einfach vorbeikommen, Socken aus, reinkriechen, fertig.

Was bleibt? Schwerin ist jetzt um eine Attraktion reicher, die keiner braucht, aber alle wollen. Minus 87 Grad sind halt ein eindeutigerer Temperaturwert als alles, was die hiesige Wärmeplan-Debatte je hervorgebracht hat. Die einen frieren jetzt in der Box. Die anderen zu Hause. Beides ist Schwerin. Und wer beides nicht hat, geht zur Thermotherapie. Oder zur Schiedsstelle. Beides soll angeblich helfen.

Foto: Niteshift / Wikimedia Commons / CC BY 3.0

Quelle: Ostsee-Zeitung

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