Die Ostsee-Zeitung schreibt über eine TV-Gruppe, die seit mehr als siebzehn Jahren das filmt, was in Schwerin wirklich passiert: Stadtfeste, Schützenumzüge, schlecht beleuchtete Eröffnungen und schlecht beleuchtete Schließungen, allesamt von der Kamera begleitet, bedient, archiviert. Die Gruppe heißt „Metronom“, sie hängt am Seniorenbüro der Stadt, und sie sucht jetzt Nachwuchs. Was wie eine nette Lokalmeldung klingt, ist in Wahrheit das Eingeständnis einer Landeshauptstadt, die ihre eigene Geschichte — von der hundertjährigen Straßenbahn bis zum Stadtjubiläum — sonst niemandem anvertraut.
Wenn die Rentner das Stadtarchiv machen
Es gibt Städte, die ihr Stadtarchiv mit Festangestellten und Tonabtastern bespielen, mit moderner Technik, ordentlichen Lizenzen und einer Webseite, die nicht nach 2003 aussieht. Schwerin gehört nicht dazu. In Schwerin filmen Rentner mit Camcordern. Sie sitzen vorne, wenn die Bürgermeisterin ein Band durchschneidet, hinten, wenn ein Sportverein seine Jubiläumsfeier begeht, und mittendrin, wenn das Schlossfest wieder einmal das Highlight des Kulturjahres ist. Siebzehn Jahre, das ist ein Zeitraum, in dem Schwerin drei Oberbürgermeister, zwei Landesregierungen und ungefähr zweihundert Schlagloch-Versprechen konsumiert hat — alles archiviert auf Festplatten, die wahrscheinlich in einem Aktenschrank im Seniorenbüro liegen.
„Wenn wir aufhören, hat Schwerin kein Bild mehr von sich selbst. Aber wer fragt schon eine Rentnertruppe nach dem Stadtgedächtnis?“ — Erfundene Metronom-Aktive, 71, seit 2009 Mitglied
Hauptstadt ohne Hauptarchiv
Die Pointe ist nicht, dass die Seniorengruppe schlecht arbeitet. Die Pointe ist, dass sie überhaupt arbeiten muss. Eine Landeshauptstadt, die im Jahr 2026 darauf baut, dass sich Pensionäre zwischen 65 und 80 mit der Technik ihrer Enkelkinder herumschlagen, damit künftige Generationen wissen, wie die Stadt aussah, als sie selbst schon in Rente war, hat ein archivarisches Problem ersten Ranges. Andere Städte bezahlen Stadtarchivarinnen, sie digitalisieren, sie veröffentlichen. Schwerin bezahlt vermutlich das Catering beim Schlossparkfest und lässt den Rest die Ehrenamtlichen erledigen. Dass die Metronom-Leute nach siebzehn Jahren ausgerechnet jetzt an die Nachwuchsfrage erinnern, hat Methode: Sie gehen weg, und mit ihnen geht das kollektive Bild der Stadt.
Es ist leicht, das witzig zu finden — eine Rentnerband als Stadtarchiv. Aber wer den Witz sucht, sollte sich fragen, wie viel Prozent der städtischen Pressearbeit eigentlich in dem Material steckt, das diese Leute seit fast zwei Jahrzehnten zusammenklauben. Schwerin hat über seine vielleicht zehn echten Eigenheiten zu wenig Historisches, zu wenig Zugängliches, zu wenig Professionelles. Wer nachschauen will, wie es in der Burgsee-Galerie vor dreißig Jahren aussah, muss Glück haben oder im Seniorenbüro anrufen. Das ist kein Lokalkolorit, das ist ein Standortnachteil. Wenn die Metronom jetzt aufhört, weiß Schwerin in zwanzig Jahren nicht mal mehr, wie es 2026 aussah. Hauptsache, das Schloss war hübsch beleuchtet.
Foto: Jhefferson Santos / Pexels
Quelle: Ostsee-Zeitung
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