Schwerin – Die Landeshauptstadt, die angeblich allen alles bietet, braucht jetzt auch noch eine sechste Freiwillige Feuerwehr. Grund: Die bisherigen fünf Wehren sind mit Klimawandel, Cyberangriffen und der schieren Existenz ihrer eigenen Verwaltung überfordert. Wer einen Vorgeschmack auf Schweriner Grundversorgung will, muss nur auf den neuen Bedarfsplan der Feuerwehr starren – dann weiß man, wo der Hase im Pfeffer liegt.
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Fünf Wehren, sechs Probleme
Die Löschzüge rücken derzeit in 90 Prozent der Einsätze innerhalb von zehn Minuten aus. Was erst einmal nach viel klingt, offenbart bei näherem Hinsehen das wahre Ausmaß der Schweriner Anspruchslage: Zehn Minuten reichen, weil man andernorts auch nicht mehr liefern muss. Das ist Schwerin-Logik: Alles, was den eigenen Anspruch nicht übersteigt, gilt automatisch als Erfolg.
Feuerwehrchef Stephan Jakobi erklärt im NDR-Interview die Misere mit der unbewegten Miene eines Mannes, der seit Jahren zusieht, wie sein Masterplan in Schubladen verstaubt: „Wir könnten auf die vorhandenen Einheiten immer mehr Arbeit draufladen, aber genau das führt ja zu Überlastung.“ Das ist das Eingeständnis, das jede Schweriner Verwaltung irgendwann abliefern muss – irgendwann ist halt jetzt.
„Wir könnten auf die vorhandenen Einheiten immer mehr Arbeit draufladen, aber genau das führt ja zu Überlastung.“
Stephan Jakobi, Leiter Fachdienst Feuerwehr und Rettungsdienst Schwerin
50 Millionen für ein Haupt, zwei Beine und einen Container
Was kostet die Hauptstadt in Sachen Brandschutz? Aktuell eine neue Leitstelle samt Rettungsdienstschule an der Graf-York-Straße für 50 Millionen Euro – plus den Neubau der Wache im Schweriner Stadtteil Wüstmark, dessen maroder Zustand schon die Hartz-IV-Genehmigung verdient hätte. Wüstmark ist das, was Schweriner Stadtoberen gerne als „Schweriner Randlage“ bezeichnen, wenn es nicht passt, und als „attraktiver Stadtteil“ verkaufen, sobald Fördertöpfe locken.
Dazu kommen ein geländegängiges Löschfahrzeug für die Wehr in Wickendorf, eine Spezialausrüstung für Waldbrände und ein Container voller Werkzeuge, mit denen sich künftig „Schneisen schlagen und kleine Glutnester löschen“ lassen. Kleine Glutnester. Schwerin kämpft schon jetzt gegen die Bürokratie – und die brennt auch regelmäßig, nur unsichtbar.
Personaldecke: Jugendfeuerwehr als Lebensversicherung
Für die sechste Wehr werden fast 40 neue Feuerwehrleute gebraucht – bis spätestens 2032. Jakobi gibt sich beim Personal „zuversichtlich“, weil der Zulauf aus Jugendfeuerwehren „gut“ sei. Was er nicht sagt: Ohne den Nachwuchs wäre jeder Bedarfsplan ein Witz auf MS-A4. Die demografische Realität einer Stadt mit überdurchschnittlich vielen Rentnern und unterdurchschnittlich vielen Kita-Plätzen wird auch an den Feuerwehren nicht haltmachen.
Was für die Landeshauptstadt neu ist: Man soll tatsächlich Geld sehen. Aufgaben, die das Land der Stadt aufbrummt, sollen nach Schweriner Lesart vom Land bezahlt werden. Beim Rettungsdienst sollen die Krankenkassen mitmachen – und an der gemeinsamen Leitstelle beteiligen sich immerhin die Landkreise. Es ist die Art Schulterschluss, bei der jeder so tut, als würde er zahlen, während die Rechnung am Ende wie immer an einer Landeshauptstadt hängen bleibt, die so tut, als sei sie keine.
Jakobi bleibt trotz aller Widrigkeiten optimistisch: Er glaubt, dass die Investitionen bei den Haushaltsverhandlungen im Herbst nicht in Frage gestellt werden. Der Glaube versetzt bekanntlich Berge – in Schwerin eher Schlaglöcher. Wenn die Stadt eine sechste Feuerwehr finanzieren will, muss sie wohl parallel die siebte, achte und neunte planen. Nicht, weil die Lage so brenzlig ist, sondern weil sich am Schweriner Haushaltshimmel ohnehin nichts ändert, solange alle Welt wegschaut.
Foto: Bianca Sowders / Wikimedia Commons / Public Domain
Quelle: NDR
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