Gesellschaft

Klebrige Verhältnisse: Schwerins Handball-Jugend darf nicht spielen, weil der Handballverband eine Spucke nicht durchlässt

In Schwerin wird derzeit über Handball-Harz gestritten – jenes klebrige Zeug, mit dem Spieler den Ball werfen können, als wäre er ein nasser Seifenkloß. Klingt erstmal nach der niedrigsten Eskalationsstufe, die eine Landeshauptstadt erreichen kann. Ist sie aber nicht. Denn in Schwerin geht es gerade um die Frage, ob die B-Jugend des ESV in der Regionalliga antreten darf. Die Halle des ESV in der Friesenstraße ist seit Jahren harzfrei – eine alte Schweriner Entscheidung, die jetzt richtig wehtut. Der Handballverband Mecklenburg-Vorpommern (HVM) besteht trotzdem auf Harz und lehnt eine Ausnahmegenehmigung ab, die es in solchen Fällen eigentlich gibt. Lösung: keine. Stattdessen: ein Eilantrag, ein Verbandssportgericht und die beruhigende Erkenntnis, dass diese Stadt auch im Jahr 2026 noch an einer Spucke zerbricht.

Was nach einem Kuriosum aus dem Sportkurs einer Berufsschule klingt, ist in Wahrheit ein ziemlich tiefer Blick in die Schweriner Seele. Da hat eine Stadt eine funktionierende Sporthalle in einem Stadtteil, der nicht gerade vor Highlights strotzt. Da hat ein Verein eine Jugend, die gut genug ist, in einer höheren Liga zu spielen. Und da gibt es eine klebrige Substanz, die offenbar mehr institutionelle Sprengkraft besitzt als die gesamte Schweriner Kommunalpolitik der letzten Wahlperiode. (kommunalpolitik)

Der Verband sagt: Lieber keine B-Jugend als ein bisschen Pragmatismus

Das Harz-Verbot in der Friesenstraße ist kein frischer Einfall, sondern eine alte Schweriner Entscheidung, die jetzt erst richtig wehtut. Die Konsequenz: Will der ESV seine B-Jugend in der Regionalliga melden, müsste er entweder in eine andere Halle ausweichen – die gibt es im Schweriner Westen bekanntlich im Überfluss, weil ja jeder Stadtteil eine eigene Trainingswelt verdient – oder die Spielklasse sausen lassen. Eine Ausnahmegenehmigung, die es bei anderen Vereinen in solchen Fällen gibt, lehnt der HVM ab. Mit Verweis auf die bisherigen Landesbestimmungen. Mit Verweis auf Regeln. Und am Ende mit dem Verweis darauf, dass die Wirklichkeit in Schwerin sich noch nie besonders gut an Regeln gehalten hat.

Eine Anwohnerin, die namentlich nicht genannt werden will, aber sonst zu allem eine Meinung hat, sagt: „Ich find das ja alles schön und gut, aber wenn die Kinder nicht spielen dürfen, weil die Wände sauber bleiben müssen, dann läuft irgendwas verkehrt. Bei uns im Weststadt-Treppenhaus klebt auch was, das sieht bloß keiner, weil es nach Pizzareste aussieht.“

„Wir wollen Regionalliga spielen. Wir brauchen kein Hallen-Erlebnis wie in Hamburg, nur eine Sporthalle, in der unsere Jugend den Ball werfen darf, ohne dass die Stadtverwaltung danach die Wände schrubben muss.“

Verbandssportgericht als Notar der Schweriner Realität

Das Verbandssportgericht soll nun klären, was offenbar weder Verein, noch Verband, noch Stadtverwaltung alleine lösen können. Gespräche sind gescheitert, der Ton wird wohl kaum freundlicher. Die Entscheidung wird noch in dieser Woche erwartet – also etwa in dem Zeitfenster, in dem Schwerin sonst über Radwege, defekte Brunnen oder die Frage diskutiert, ob der Marienplatz jetzt Marktplatz heißt oder doch wieder nicht.

Was bleibt, ist das altbekannte Bild: Schwerin schafft es mal wieder nicht, eine Sache einfach zu machen. Eine Sporthalle. Ein Klebstoff. Eine Kinder- und Jugendmannschaft. Drei Akteure, die miteinander reden müssten, statt übereinander. Stattdessen wird geklagt, verwiesen, geprüft – und am Ende gewinnt niemand, außer vielleicht die Hersteller von Reinigungsmitteln, die der Weststadt in den nächsten Wochen einen neuen Großkunden bescheren werden.

Man darf gespannt sein, was das Verbandssportgericht entscheidet. Falls es auf Harz lautet, bleibt die Frage, ob die Stadt dann endlich die Friesenstraße aufgibt – oder ob sie eine neue Satzung erlässt, in der das Wort „Klebstoff“ durch „nicht genehmigte Substanz“ ersetzt wird, damit wenigstens juristisch alles seine Ordnung hat. Falls es gegen Harz lautet, bleibt die andere Frage: Wann fängt Schwerin endlich an, Dinge einfach zu ermöglichen, statt sie in drei Gremien, vier Ausschüssen und fünf Aktenordnern zu zerreden?

Bis dahin trainieren die Jungen und Mädchen des ESV Schwerin also weiter – in einer Halle, in der sie vielleicht nicht antreten dürfen, in einem Verband, der lieber seine Regelauslegung durchzieht als einer Jugend das Spielen zu ermöglichen, und in einem Land, in dem über Handball-Harz ernsthafter gestritten wird als über so manchen Bundeshaushalt. Schwerin ist und bleibt halt seines eigenen Klebstoffs Feind.

Foto: Mohamed Ayman Marso / Pexels

Quelle: NDR

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