Gesellschaft

Greifswalder Unimedizin schickt Knochenzellen 2027 ins Weltall – weil die irdische Medizin in MV wohl zu langweilig ist

Greifswald/Mecklenburg-Vorpommern. Wenn in MV jemand über die Wissenschaft der Zukunft redet, geht es meistens um Windkraft, Wasserstoff oder die Frage, warum im Landtag schon wieder eine neue Arbeitsgruppe gegründet wird. Diesmal ist es anders. Diesmal geht es nach oben. Ganz nach oben. Die Universitätsmedizin Greifswald schickt 2027 Knochenzellen ins Weltall, um zu erforschen, wie sich diese in der Schwerelosigkeit verhalten. Rund eine Million Euro kostet das Projekt. Man darf also getrost sagen: Das ist die teuerste Schwerelosigkeit, die Mecklenburg-Vorpommern je produziert hat – und gleichzeitig eine der sinnvollsten.

Was wie ein Filmplot klingt, ist der ganz normale Alltag einer Universitätsmedizin in einem Bundesland, das sonst eher durch Backhaus-Pressekonferenzen, Landeszootage und Wärmeplan-Debatten auffällt. Greifswald gehört seit Jahren zu den forschungsstarken Standorten in MV – was regelmäßig untergeht, weil die Stadt selbst eine Art Schwerelosigkeit betreibt: wirtschaftlich, demografisch, politisch. Aber gut. Wenn schon der Standort nicht abhebt, dann soll es eben die Forschung tun. Mit Raketen.

„Wenn MV schon nicht abhebt, dann wenigstens die Knochenforschung – mit einer Million Euro und jeder Menge Schwerelosigkeit, die wir in Schwerin alltagsbedingt längst haben.“

Warum Knochen ins All müssen

Hintergrund ist schnell erklärt: In der Schwerelosigkeit altern Zellen schneller. Wer im All Knochen untersucht, lernt also etwas über Alterungsprozesse – und damit auch über Osteoporose. Was auf der Erde ein langwieriger Prozess ist, lässt sich oben in Wochen simulieren. Für die Greifswalder Forschenden ist das ein Glücksfall. Für die Krankenkassen in Mecklenburg-Vorpommern ist es eine Perspektive. Schließlich hat statistisch gesehen jeder dritte Mensch in MV über 65 Jahre auf dem Buckel, und Osteoporose ist in dieser Altersklasse eine der häufigsten Diagnosen überhaupt. Man darf also getrost sagen: Diese Forschung betrifft jeden Pendler, jede Rentnerin, jeden Knochen im Land.

Was es betrifft, ist auch das liebe Geld. Rund eine Million Euro nimmt die Unimedizin für das Projekt in die Hand – eine Summe, die in etwa dem entspricht, was die Stadt Schwerin pro Bauabschnitt Fernwärme ausgibt, ohne dass anschließend irgendetwas wärmer wird. Während Schwerin also das Geld buchstäblich unter die Erde vergräbt, schießt Greifswald seines in den Orbit. Beide Methoden funktionieren, wenn man das Ergebnis als „aus den Augen, aus dem Sinn“ definiert. Bei Schwerin bleibt der Schaden vor Ort sichtbar. Bei Greifswald bleibt nur die Hoffnung, dass die Knochen etwas Schlaueres zurückbringen.

Schwerin als Kontrastprogramm

In Schwerin wiederum wartet man derweil auf andere Dinge. Auf den Wärmeplan, der bis 2045 für Klimaneutralität sorgen soll. Auf den nächsten Fernwärme-Ausfall. Auf barrierefreie Bordsteine. Auf eine Lösung für den ÖPNV nach 22 Uhr. Auf irgendetwas, das sich anfühlt wie Zukunft, auch wenn nur 30 Prozent davon funktionieren. Stattdessen gibt es Pressekonferenzen, Arbeitskreise und Pressemitteilungen, die das Wort „Fortschritt“ so oft benutzen, dass es in Schwerin mittlerweile wie ein Schimpfwort klingt.

Greifswald ist anders. Greifswald forscht einfach. Ohne Pressekonferenz. Ohne ständige Arbeitskreise. Eine Million Euro, ein klar definiertes Ziel, internationale Partner, fertig. Wenn das in Schwerin nur halb so reibungslos laufen würde, sähe die Stadt nicht aus wie eine Mischung aus Sanierungsfall und Stillstandsmuseum. Aber in Schwerin sind Forschung und Verwaltung zwei komplett verschiedene Welten. Die Verwaltung produziert PDF-Dokumente, die Forschung Raketenstarts. Beide Systeme sind kompatibel, solange man sich nicht begegnet.

Was bleibt, ist ein schöner Kontrast: Während die Greifswalder Unimedizin 2027 eine Million Euro für Knochenforschung ins All schickt, guckt Schwerin zu, wie die eigenen Stadtwerke die Fernwärme reparieren, und das auch nur mit Glück, Ausdauer und überdimensionierten Bauabschnitts-Schildern, an denen sich niemand mehr orientiert. So gesehen ist die Frage nicht, warum MV ins All forscht, sondern warum nicht schon längst. Es ist halt das Einzige, was hier noch aufsteigt.

Foto: NASA, ESA, G. Illingworth, D. Magee, and P. Oesch (University of California, Santa Cruz), R. Bouwens (Leiden University), and the HUDF09 Team / Wikimedia Commons / Public domain

Quelle: NDR

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