Wirtschaft

Greifswald bekommt ein KI-Zentrum mit Ethik-Studiengang. Schwerin bekommt derweil einen neuen Arbeitskreis.

Willkommen in der Realität, in der die Universität Greifswald am Montag ein neues Datenzentrum eingeweiht hat. „Center for Data and AI Research“, kurz CEDAR, bündelt dort künftig die KI- und Datenforschung der Universität und der Universitätsmedizin. Inklusive einer neuen Professur. Inklusive eines deutschlandweit einzigartigen KI-Bachelorstudiengangs, der sich explizit mit den gesellschaftlichen, ethischen und kulturellen Dimensionen künstlicher Intelligenz beschäftigt. Greifswald, zur Erinnerung: knapp 59.000 Einwohner. Hat einen Hafen. Jetzt auch ein KI-Zentrum.

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Man darf an dieser Stelle kurz innehalten und den Blick nach Westen richten. Nach Schwerin. In die Landeshauptstadt. Die Hauptstadt eines Bundeslandes, in dem die nächste Stadt offenbar beschlossen hat, dass sie sich ernsthafte Zukunftstechnologie und kritische Forschung leistet – während die Landeshauptstadt über den nächsten Arbeitskreis zur Innenstadtbelebung brütet. Wie man bei uns in Schwerin sagt: herzlichen Glückwunsch nach Greifswald.

Greifswald macht, Schwerin tagt

Die Pointe ist dabei nicht einmal, dass Schwerin kein eigenes KI-Zentrum hat. Das wäre noch verzeihlich, dafür gibt es Uni-Strukturen in Rostock. Die Pointe ist, dass Schwerin es nicht mal schafft, sich als Standort für sowas zu bewerben. Keine Bewerbung, keine Idee, kein Konzept. Dafür jährlich Pressemitteilungen, in denen das Wirtschaftsdezernat verkündet, man wolle „den Strukturwandel aktiv gestalten“. Aktiv gestalten, wohlgemerkt, nicht: irgendwas tun. Aktiv gestalten klingt nach mehr Meetings.

Greifswald hat eine Uni. Greifswald hat eine Universitätsmedizin. Greifswald hat jetzt CEDAR. In Schwerin gibt es keine Universität, keine Hochschule mit echter Strahlkraft, keinen Coworking-Space, der mehr als zwei Mietverträge überlebt, und laut SVZ einen Stadthafen, an dem im Sommerhalbjahr einmal pro Woche ein Kaffee-Boot anlegt. Die Abwanderung junger Menschen sei hier nur am Rande erwähnt. Die Schulabgänger der Gymnasien bleiben ohnehin kaum in der Stadt. Wer hier bleibt, wird Pflegekraft, Verwaltungsbeamter oder wechselt halt nach Hamburg.

In Schwerin gibt es keine Hochschule. Wenn die Landeshauptstadt das ändert, hat sie in zehn Jahren mehr davon als von jedem weiteren runden Tisch zur Innenstadt.

Ein erfundener Wirtschaftsförderer, der so oder so ähnlich geklungen haben könnte

Ethik statt Erinnerungskultur

Was Greifswald da übrigens vorlegt, ist nicht einfach nur ein Datacenter. Die Forschungsplattform bündelt Kompetenzen aus Medizin, Datenwissenschaft und Geisteswissenschaft. Es geht um KI als Zukunftstechnologie, die Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändert. Das ist keine Schnapsidee, das ist Hochschulpolitik mit Anspruch. Mit Professur. Mit Studiengang. Mit Forschung, die irgendwann mal Patente, Ausgründungen, Arbeitsplätze und Steueraufkommen produzieren könnte. Alles Dinge, nach denen Schwerin sich seit Jahren sehnt, ohne selbst liefern zu können.

Und dann dieser Bachelor-Studiengang: gesellschaftliche, ethische und kulturelle Dimensionen künstlicher Intelligenz. Also nicht nur „wie baue ich ein neuronales Netz“, sondern „was macht das eigentlich mit uns“. Eine Universität, die das anbietet, nimmt ihre Rolle als öffentliche Institution ernst. In Schwerin beschäftigt man sich derweil mit der Frage, ob die Schlossbrücke dieses Jahr noch rechtzeitig vor der Landtagssitzung neu gestrichen wird. Wichtige Fragen, gewiss. Aber nicht die Zukunft.

Wenn man sich die Pressemitteilung des Greifswalder Rechenzentrums so durchliest, könnte man auf die Idee kommen, Mecklenburg-Vorpommern habe jetzt zumindest eine Hochschule, die verstanden hat, in welcher Zeit sie lebt. Greifswald ist übrigens auch nicht größer als Schwerin. Im Gegenteil. Trotzdem steht dort jetzt ein Rechenzentrum, eine Forschungsprofessur und ein Studiengang. In Schwerin steht das Landesmuseum, die Staatskanzlei und ein ICE-Anschluss, der seit zwölf Jahren geprüft wird.

Man darf das nicht falsch verstehen. Schwerin hat das Schloss. Den Pfaffenteich. Die Schlossbrücke, an der man im Sommer Eis essen kann. Das ist schön. Das ist aber kein Standortfaktor für junge Wissenschaftler, die zwischen Rostock, Greifswald, Leipzig und Dresden wählen können. Wer für ein KI-Studium mit Ethik-Schwerpunkt in Mecklenburg-Vorpommern bleiben will, der fährt jetzt nach Greifswald. Wer in Schwerin bleibt, schaut zu. Aber das ist natürlich nur eine Sichtweise.

Die Landeshauptstadt kann natürlich argumentieren, dass sie ja kein Hochschulstandort sei und auch nicht werden müsse. Sie könne sich auf ihre Rolle als Verwaltungszentrum konzentrieren. Das stimmt. Eine schöne Idee. Funktioniert nur leider nicht für eine Stadt, die pro Jahr netto Einwohner verliert, deren Durchschnittsalter stetig steigt und die bei der nächsten Wahl hofft, dass wenigstens einer der sieben OB-Kandidaten das Wort „Universität“ im Programm hat.

Foto: Hans G. Oberlack / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

Quelle: NDR MV

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