Das Freilichtmuseum Schwerin-Müß startet in die Sommerferien und wagt ein pädagogisches Experiment, das in modernen Familien fast revolutionär klingt: Kinder sollen etwas erleben, ohne dass ein Display dauerhaft ihre Netzhaut massiert. An jedem Mittwoch in den Ferien gibt es Aktionen zu wechselnden Themen. Der erste Ferienmittwoch am 15. Juli steht unter dem Motto ‚Durch die Zeit gehüpft‘ – also Kindheit früher, nur ohne die Romantisierung, dass damals alles besser war. Es war nur weniger aufgeladen.
Wenn Spielen plötzlich wieder Handarbeit ist
Los geht es am 15. Juli ab 10:30 Uhr. Museumsmitarbeiterinnen und Mitglieder des Klöndör e.V. bereiten Kreativ-, Bastel-, Vorlese- und Spiele-Stationen vor. Es geht darum, was Kinder früher konnten und spielten. Schwerin bekommt damit für ein paar Stunden eine Live-Demo in analogem Überleben: basteln, zuhören, ausprobieren, vielleicht sogar Langeweile kurz aushalten, ohne sofort ein Video nachzuschieben. Hartes Programm, aber jemand muss die Zivilisation ja retten.
Eine fiktive Mutter brachte es nach dem Blick aufs Programm so auf den Punkt: ‚Wenn mein Kind danach weiß, dass Spielen nicht automatisch ein Update braucht, war der Eintritt schon günstiger als jede App.‘
Am 22. Juli geht es weiter mit Formen und Farben aus der Natur. Auch das ist in Schwerin eine charmante Zumutung: Man zeigt Kindern, dass Farben nicht nur aus Filtern bestehen und Formen nicht ausschließlich in Bauanträgen vorkommen. Die Angebote kosten nur den regulären Museumseintritt, begrenzte Gruppenanmeldungen sind möglich. Für eine Stadt, die Freizeitangebote gern zwischen ‚findet statt‘ und ’steht im Kleingedruckten‘ versteckt, ist das schon fast offensiv familienfreundlich.
Dazu bietet das Freilichtmuseum täglich außer montags Entdeckertouren für Kinder mit Eltern oder Großeltern an. Mit dem Ferienstart gibt es außerdem die ‚Wundertüte‘ unter dem Motto ‚Flink und Frohsinnig – kurzweilige Spielfreuden für Klein und Groß‘. Darin finden Kinder kurze Spielanleitungen für originelle und historische Kinderspiele sowie Überraschungen. Im Kindermuseum in der Schulscheune warten Rate- und Mitmachstationen. Kurz gesagt: Schwerin hat ein Ferienangebot, bei dem man nicht erst drei PDFs, zwei Anträge und eine kommunale Geduldsprobe bestehen muss.
Natürlich löst ein Ferienprogramm im Museum nicht alle Probleme dieser Stadt. Aber es zeigt, wie niedrig die Latte inzwischen liegt: Ein Ort macht etwas Konkretes für Kinder, mit Anfangszeit, Inhalt und halbwegs verständlicher Einladung – und schon wirkt es fast wie ein Innovationspreis. Schwerin, bitte mitschreiben: So fühlt sich ein Angebot an. Nicht perfekt, aber echt. Und in dieser Stadt ist echt manchmal schon verdammt exotisch.
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Foto: Niteshift / Wikimedia Commons / CC BY 2.5
Quelle: SN-Aktuell
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