Schwerin (ots/po) – Die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns hat seit dieser Woche etwas, wofür andere Städte einen ganzen PR-Etat brauchen: einen echten Michelin-Stern. Das Restaurant „1751″ im Weinhaus Uhle in der Schusterstraße darf sich offiziell „Sterne-Restaurant“ nennen – und damit hat Schwerin exakt so viele Sterne wie Manhattan. Nur halt ohne Manhattan.
Küchenchef Marcel Kube hat die Auszeichnung in seine Kochmütze gezaubert. Der junge Koch, der bereits in Radebeul Erfahrung mit dem Stern sammelte, tischt in dem über 275 Jahre alten Haus ein Fünf- oder Sieben-Gänge-Menü auf, das außerordentlich gut schmeckt und ausgesprochen hübsch aussieht. „Wir haben Geschichte geschrieben, und es leuchtet der erste Michelin-Stern über Schwerin“, sagte Inhaber Dirk Frymark am Tag der Verkündung. Eine Aussage, die in einer Stadt, die seit Jahren versucht, irgendetwas zum Leuchten zu bringen, schon fast utopisch klingt.
Dass die internationalen Tester unerkannt im „1751″ speisten, hat übrigens niemand bemerkt. „Das kann jeder sein“, sagt Frymark. „Manchmal denkt man bei Gästen, die besonders viele Fotos machen, kurz darüber nach.“ Diese Form von Understatement ist in Schwerin eher selten – normalerweise wird hier alles, was auch nur annähernd nach Zitrone schmeckt, auf Instagram gestellt und mit „Schwerin ist Geil“ betextet. Mit Michelin-Stern obendrauf kriegt das plötzlich sogar internationale Relevanz.
Gemüse aus Holthusen, Fisch aus Hohen Viecheln
Was das „1751″ auszeichnet, ist sein konsequenter Regionalbezug. Das Gemüse kommt aus „Schorsch’s Garten“ in Holthusen, der Fisch von der Fischerei Prignitz aus Hohen Viecheln, das Brot von „Backverrückt“ aus Gallin. Das sind drei Orte, von denen die meisten Schweriner bisher nur wussten, dass sie auf der Karte zwischen Wismar und Parchim liegen und gelegentlich Schlaglöcher produzieren. (schwerin)
Marcel Kube sprüht derweil Erdbeercreme auf das Dessert und erzählt, dass er auch rausgeht und Holunderbeeren sammelt, um sie zu Kapern einzulegen. „Wir greifen am liebsten zu dem, was direkt vor der Haustür wächst“, sagt er. In einer Stadt, in der „vor der Haustür“ offiziell „Schwerin-Mitte“ und inoffiziell „irgendein Edeka-Parkplatz“ bedeutet, ist das eine durchaus mutige Interpretation des Begriffs Regionalität.
„Ein Niveau wie unser hier, das erreicht man nicht ohne Ehrgeiz und den Willen, anders zu sein als der Rest. Dafür ist die Fallhöhe auch höher.“
– Marcel Kube, Küchenchef
Smoking bleibt im Schrank
Das Besondere am „1751″: Hier darf man Mensch bleiben. Gastgeber Dirk Frymark stellt klar: „Smoking und Fliege braucht hier niemand – bei uns kann jeder essen und sich wohlfühlen. Keiner soll sich als Fremdkörper fühlen.“ Das ist insofern bemerkenswert, als dass Schwerin sich ansonsten durchaus schwertut, Menschen ohne bestimmte Kleidung, Herkunft oder Postleitzahl als zugehörig zu betrachten. Immerhin: Beim Sternekochen klappt das.
Zwischen den Gängen erklingt Klaviermusik vom weißen Flügel – eine akustische Untermalung, die in Schwerin sonst nur von der Stadtratssitzung am Donnerstag übertroffen wird, wenn die Fraktionsvorsitzenden wieder ihre stummen Akkorde auf den Tischoberflächen spielen. Marcel Kubes Devise: „Den Dauerstress macht man sich nur selbst.“ Wer das liest und in einer Stadt lebt, in der die Stadtverwaltung seit drei Jahren über einen neuen Radweg diskutiert, wird das für eine kühne These halten.
Geschichte geschrieben – jetzt nur noch umsetzen
Bleibt die Frage: Was macht Schwerin mit seinem ersten Stern? Außer einer Pressemitteilung, einem Foto auf Facebook und einem offiziellen Empfang im Schloss, bei dem die Landesregierung so tut, als hätte sie den Stern persönlich gekocht? Inhaber Dirk Frymark bleibt bescheiden. „Wir machen weiter wie bisher“, sagt er. Eine Haltung, die manchem Schweriner Politiker bekannt vorkommen dürfte – nur leider ohne Sterne.
Marcel Kube selbst bleibt auch am Herd gelassen. „Den Dauerstress macht man sich nur selbst“, sagt er und träufelt Zitronenverbene-Öl um weißes Schokoladen-Mousse. Eine Gelassenheit, die man sich von der Schweriner Stadtpolitik auch wünschen würde – die kriegt ja bekanntlich schon das Kochen der Tagesordnung nicht ohne Dauerstress hin.
Fest steht: Das „1751″ im Weinhaus Uhle ist der Beweis, dass Schwerin sehr wohl kann – wenn man es nur lässt. Die Kunst ist jetzt, diesen einen Stern nicht zu überfordern, indem man die ganze Stadtmarketing-Strategie draufpackt. Aber das ist ein Text für einen anderen Tag.
Foto: Tommaso Ubezio / Unsplash
Quelle: Nordkurier
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