Schwerin. Die Freien Demokraten haben am Freitag ihre Landtagswahlkampagne für Mecklenburg-Vorpommern vorgestellt. Vor der Schweriner Schlossbrücke. Mit dem Slogan „Du willst was reißen? Wir auch.“ Mit dem Spitzenduo Prof. Dr. Jakob Schirmer und Jessica Mendle. Und mit einem Plakatbus, der so aussieht, als hätte die FDP den Touri-Bus von 2019 gemietet und die Plakate einfach drübergeklebt.
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Die Botschaft: Mecklenburg-Vorpommern kann mehr. Die Menschen wollen mehr. Leistung soll wieder möglich werden. Bürokratie soll abgebaut, Genehmigungen beschleunigt, Bildung modernisiert werden. Schön. Wer in Schwerin lebt, schaut bei „Genehmigungen beschleunigen“ reflexartig auf das Ortsschild von Zippendorf und fragt sich, ob das überhaupt dieselbe Landesregierung meint. Die, die für den Radweg an der Crivitzer Chaussee seit 2019 eine Genehmigung brauchte, die noch immer nicht da ist. (schwerin)
Wahlkampf vor der Schlossbrücke — wo die Touristen besser laufen
Die Schlossbrücke ist Wahlkampf-Kulisse der Wahl. Schöner kann man Wahlkampf in MV nicht inszenieren: Schloss im Hintergrund, See drumherum, ein paar Schwäne, die so tun, als wären sie Liberaler. Nur das Problem ist: Auf der Schlossbrücke tummeln sich im Juli Touristen aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, die alle drei Minuten ein Foto machen. Wer da einen Plakatbus hinstellt, um die Leistungswilligen der Landeshauptstadt zu erreichen, erreicht vor allem die Eltern von Schulklassen, die gerade das Schloss besichtigen.
Schirmer, der promovierte Wirtschaftsprofessor, sagt dazu Sätze wie „Unser Wahlkampf setzt nicht auf Angst, sondern auf Zuversicht“. Das ist ehrenwert. Es ist auch der Satz, den jede Partei sagt, die in den Umfragen bei fünf Prozent steht. In Mecklenburg-Vorpommern ist die FDP traditionell gut darin, knapp über oder knapp unter der Fünf-Prozent-Hürde zu landen. Je nachdem, ob Wahlbeteiligung hilft oder schadet. Diesmal will man lieber selber reißen als gerissen werden.
Wer hier was reißen will, muss erstmal kapieren, dass Schwerin keine Start-up-Stadt ist. Hier wird gefischt, gewartet und gelegentlich getagt. Wenn die FDP das „reißen“ nennt, was wir „am Laufen halten“ nennen, spricht sie die Richtigen an — leider nur 4.000 von 96.000.
Ein erfundener Bürger, der die Wahlplakate an der Schlossbrücke für Werbung für den Museumsshop hielt
Zwischen den Polen — aber nicht zwischen den Straßen
Die FDP will „Partei des Aufbruchs zwischen den Polen“ sein. Bewusst nicht in Links-rechts-Debatten verlieren. Das hat Charme. Es ist auch eine elegante Umschreibung dafür, dass man auf dem Land weder die AfD noch die Linke direkt angreifen will, weil man in Mecklenburg-Vorpommern mit jeder dieser Gruppen in irgendeiner Stichwahl mal koalieren könnte. Strategische Vorsicht nennt man das in der FDP-Zentrale in Schwerin. In der Schweriner Innenstadt nennt man das „Wer weiß, was im September kommt“.
Was die FDP will, steht im Wahlprogramm. Bürokratie abbauen. Genehmigungen beschleunigen. Bildung modernisieren. Unternehmen entlasten. Innovationen fördern. Ländlichen Raum stärken. Städte stärken. All das klingt wie eine Einkaufsliste, die jeder Wirtschaftsflügel jeder Partei seit 1990 schreibt. Es ist auch ehrlich: Wer in MV regieren will, muss irgendwann zugeben, dass man nicht alles gleichzeitig versprechen kann. Oder man macht es wie die FDP — und sagt es einfach doppelt.
Bis zur Landtagswahl am 20. September sind es noch gut zehn Wochen. Zehn Wochen, in denen in Schwerin vermutlich drei neue Baustellen aufgemacht und zwei alte nicht zugemacht werden. Zehn Wochen, in denen die Schlossbrücke weiter Touristen fotografiert und die FDP weiter Wahlkampf macht. Wenn am Wahlabend in MV aus „Du willst was reißen?“ ein „Wir haben was gerissen“ wird, dann hat ausgerechnet die FDP das Kunststück geschafft, das in diesem Bundesland am seltensten gelingt: Aufbruchsstimmung statt Resignation. Falls nicht, war’s wenigstens ein schönes Foto vor dem Schloss.
Foto: Jürgen Matern / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
Quelle: Nordkurier
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