Schwerin hat einen Plan. Genauer: einen kommunalen Wärmeplan. 44 Maßnahmen, ein Zeithorizont bis 2045, das Ziel „klimaneutral“ – und der ehrliche Hinweis der Verwaltung an alle Eigentümer, dass ihre Heizungen erstmal nicht ausgetauscht werden müssen. Wer jetzt das Gefühl hat, dass sich Plan und Realität in Schwerin traditionell ungefähr so nahekommen wie ein Handball-Wurf in einer Friesenstraße-Halle, der liegt richtig. Die Stadtvertretung hat den Wärmeplan trotzdem mit großer Mehrheit beschlossen, Umweltdezernent Bernd Nottebaum sprach von „Orientierung“, und das Land hat den Plan aus dem Klima- und Transformationsfonds des Bundes mitfinanziert. Bezahlt ist er also – ob er je funktioniert, ist eine andere Frage.
Was passiert da eigentlich? Die Stadt teilt das Stadtgebiet in Versorgungsbereiche ein. In dicht bebauten Vierteln soll die Fernwärme weiter ausgebaut werden – was angesichts des ohnehin schon weit verzweigten Netzes logisch klingt, solange man nicht zu genau hinschaut, wer das bezahlen soll. In weniger dichten Stadtteilen setzt Schwerin auf Wärmepumpen und andere „klimafreundliche Heizsysteme“ – was so lange großartig klingt, bis man an die Sanierung der Altbauten denkt, in denen diese Wärmepumpen mal eben ein paar Hunderttausend Euro Installation erfordern. Für Eigentümer außerhalb der künftigen Fernwärmegebiete besteht „kein unmittelbarer Handlungsbedarf“, sagt die Stadt – was übersetzt heißt: „Wir wollen Ihnen die Heizung noch nicht politisch wegnehmen.“ Das ist wenigstens ehrlich.
44 Maßnahmen, 19 Jahre, ungefähr 19 überforderte Stadtwerke
Bis 2045 soll Schwerin klimaneutral heizen. 2045 – das klingt weit weg, ist aber ungefähr der Zeitraum, in dem die Schweriner Stadtwerke in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Hälfte ihrer Bäder saniert haben. Die Maßnahmen reichen von Energieberatungen über energetische Sanierungen bis zum Ausbau von Photovoltaik und Fernwärme – all das wunderbar bürokratisch korrekt in 44 Häppchen verpackt, damit jeder weiß, was er nicht zu verantworten hat, falls es schiefgeht.
Eine Passantin aus der Schelfstadt, die anonym bleiben möchte, weil sie selbst im öffentlichen Dienst arbeitet, sagt: „Ich lese Wärmeplan und denke: Ich zahle meine Gasrechnung, ich friere nicht, und falls 2045 wirklich kommt, sitze ich irgendwo in Spanien mit meinem Passfoto von 2025.“ Das Klimaschutz-Bewusstsein sei zwar vorhanden, aber: „Ich habe kein Geld für eine Wärmepumpe, die Stadt hat kein Geld für den Netzausbau, und die Bundesförderung kommt in dem Tempo, in dem ich samstags die Schweriner Innenstadt durchquere – also gar nicht.“
„Mit der kommunalen Wärmeplanung schaffen wir Orientierung – und wir machen deutlich, dass die Wärmewende nur gemeinsam gelingen kann.“
– Umweltdezernent Bernd Nottebaum
Das Solarkataster als Trostpflaster
Wer dann doch wissen will, ob das eigene Dach für eine Photovoltaikanlage geeignet ist, kann das im Schweriner Solarkataster nachschauen – kostenlos, anonym, und mit dem beruhigenden Wissen, dass eine PV-Anlage die eigene Gasrechnung etwa so weit senkt wie ein Eis am Stiel das Polarmeer. Für die Wärmewende selbst heißt das: Plan steht, Geld fehlt, Zeit ist viel, Zuversicht wenig. Aber immerhin: Schwerin hat mal wieder einen Plan beschlossen. Und wer in Schwerin einen Plan beschließt, der hat schon den schwierigsten Teil der Schweriner Politik überstanden – das Treffen.
Was bleibt am Ende? 44 Maßnahmen. Ein Umweltdezernent, der von „gemeinsam“ spricht. Ein Fördertopf aus Berlin, der in MV traditionell ein bisschen später ankommt. Und eine Stadt, die hofft, dass 2045 entweder alle klimaneutral heizen – oder dass bis dahin niemand mehr Heizungen braucht, weil Schleswig-Holstein Schwerin eingemeindet hat. Optimismus sieht anders aus. Aber Plan ist Plan.
Foto: Jan van der Wolf / Pexels
Quelle: Schwerin-Lokal
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