Schwerin. Es gibt Baulücken, da fällt der Himmel ein bisschen tiefer. An der Ziegelseepromenade, direkt neben dem Hotel Speicher, klafft seit Monaten ein metertiefes Loch, das sich trotz Insolvenz des ursprünglichen Bauträgers aus Hamburg hartnäckig weigert, einfach wieder zuzuschütten. Stattdessen soll dort nun ein neues Haus mit 176 Wohnungen entstehen. Fünf Geschosse hoch statt der vier, die der bestehende Bebauungsplan eigentlich hergibt. Sechs wären auch gegangen, aber man will die Schweriner Anwohner ja nicht überfordern.
Die HTG Hoch- und Tiefbau Gadebusch hat den Kranplatz übernommen und präsentiert tapfer ihre überarbeiteten Pläne. Die städtische Bauverwaltung winkte artig durch. Vize-Oberbürgermeister Bernd Nottebaum (CDU) lässt ausrichten, der positive Bescheid sei rechtlich sauber und überhaupt habe die Denkmalschutzbehörde zugestimmt. Das ist ungefähr so beruhigend wie ein Feuerlöscher, der direkt neben dem Brand aufgestellt wird.
Petitionsausschuss schaltet sich ein
Die Bürgerinitiative „Ziegelseepromenade“ um Sprecher Gunther Neumann hat zwischenzeitlich beim Petitionsausschuss des Landtags in Schwerin vorgesprochen. Und siehe da: Das Gremium stellt der Stadtverwaltung Fragen. Ob das die versammelte Baukoalition aus CDU, SPD, Verwaltung und HTG-Gadebusch beeindruckt? Eher nicht. Die Widersprüche der Anwohner wurden jedenfalls bereits zurückgewiesen. Der Klageweg bleibt offen. Man darf gespannt sein, ob das Schweriner Verwaltungsgericht in dieser Legislaturperiode überhaupt noch zum Zuge kommt.
Wir sind nicht grundsätzlich gegen die Bebauung. Aber der Bebauungsplan ist kein Vorschlag, sondern geltendes Recht.
So Neumann, der in den letzten Monaten gefühlt öfter im Schweriner Rathaus ein- und ausgegangen ist als Nottebaum selbst. Die Stadtvertretung hat sich mehrfach mit dem Thema befasst und dabei – oh Wunder – der Bürgerinitiative mehrheitlich den Rücken gestärkt. Passiert ist danach: nichts. Verwaltungsrechtliche Entscheidung, hieß es, keine politische. So lässt sich das Schweriner Bauen in einen Satz fassen.
Schwerin tickt halt so
In einer Stadt, die ihre Seenkulisse als wichtigstes touristisches Kapital verkauft und gleichzeitig zulässt, dass Investoren direkt am Wasser ein paar Etagen draufpacken, ist die Botschaft eindeutig. Bauland in bester Lage am Ziegelsee ist halt zu schade, um es dem Bebauungsplan zu überlassen. Die Schweden etwa hätten das Seeufer als öffentlichen Weg angelegt. In Schwerin wird es zur Spekulationsmasse mit Seeblick.
Derweil sitzt die Schweriner Stadtverwaltung in der nächsten Sitzung des Hauptausschusses und muss sich kritische Fragen gefallen lassen. Der Investor arbeite am Bauantrag, berichtet Nottebaum tapfer. Das ist fast schon wieder rührend: Während halb Schwerin sich den Mund über marode Schulgebäude, leere Innenstädte und einen ÖPNV fusselig redet, der nur dann fährt, wenn er nicht ausfällt, kämpft die Landeshauptstadt tapfer um das Recht, ein Mehrfamilienhaus eine Etage höher zu bauen als erlaubt. Wenn das mal keine Prioritätensetzung ist.
Während die Bürgerinitiative also auf den Petitionsausschuss hofft, arbeitet HTG Gadebusch am Bauantrag. Und Schwerin, wie es leibt und lebt: Verwaltung verwaltet, Bauherr baut, Anwohner ärgern sich. Alles wie immer, nur diesmal mit einem See mehr im Vordergrund.
Foto: Dguendel / Wikimedia Commons / CC BY 4.0
Quelle: Nordkurier
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