Bad Doberan, Landkreis Rostock, Mecklenburg-Vorpommern. Während sich die Republik beim Public Viewing die Fernseher heiß redet, passiert in Mecklenburg-Vorpommern etwas, das politisch deutlich brisanter ist: Die Kleinstadt Bad Doberan hat am 6. Juli 2026 – pünktlich zum Weltkusstag – ihre erste „Kusshaltestelle“ eingeweiht. Höchstoffizielle Umbenennung der Bushaltestelle Alexandrinenplatz. Ein Schritt für die Menschlichkeit. Ein Riesenschritt für die märkische Seele. Und in Schwerin? In Schwerin wird derzeit die Marienplatz-Oberfläche gefühlt zum siebten Mal in Folge ausgebessert. Ohne Umbenennung.
Was wie ein PR-Gag klingt, ist in Wahrheit ein handfestes Stück Stadtentwicklung mit Symbolkraft. Bad Doberans Bürgermeister Jochen Arenz (parteilos) höchstpersönlich nennt den Schritt ein Zeichen für „Herzlichkeit und zwischenmenschliche Nähe“. Bei der feierlichen Enthüllung sagte Rebus-Geschäftsführer Thomas Nienkerk, in einer Zeit, die oft von Hektik und rauem Umgangston geprägt sei, dürften kleine Gesten wieder mehr Platz bekommen. Man darf das als politisches Statement lesen. In MV ist das eine Sensation. Bundesländer wie NRW, Bayern und Rheinland-Pfalz haben laut NDR bereits ähnliche Ideen umgesetzt. MV hat jetzt nachgezogen. Ausgerechnet Bad Doberan.
„MV hat jetzt eine Haltestelle, an der offiziell geknutscht werden darf. Das ist mehr, als die meisten Landeshauptstädte je hingekriegt haben – und zwar ohne Fördermittel, ohne Arbeitskreis und ohne Wärmeplan.“
Schwerin als trauriger Kontrast
Was macht Schwerin derweil? Schwerin baut. Sperrungen. Fernwärme-Trassen. Straßenbahn-Schienenersatzverkehr. Wer im Juli in der Landeshauptstadt irgendwo ankommen will, braucht ein Navi, ein Schaufelrad-Dampfer-Ticket und den festen Glauben, dass Busse überhaupt noch fahren. Eine Haltestelle, an der man ausdrücklich küssen darf, ist in dieser Stadt ungefähr so wahrscheinlich wie ein freier Parkplatz am Marienplatz zur Mittagszeit: theoretisch möglich, praktisch ausgeschlossen. Die Bushaltestellen hier heißen „Obotritenring“ oder „Lübecker Straße“ – beide ohne erkennbare Romantik, dafür mit dauerhafter Baustelle in Hörweite.
Während Bad Doberan seinen Bürgermeister dafür feiert, dass er eine Bushaltestelle emotional aufwertet, diskutiert die Schweriner Stadtpolitik über den nächsten Förderantrag, den nächsten Stillstand und einen Wärmeplan, der bis 2045 für Klimaneutralität sorgen soll. Ob das klappt? Schwerin plant unterdessen schon mal den nächsten Arbeitskreis zum Thema. Und den übernächsten. Und den überübernächsten. Das geht seit Jahren so. Man könnte fast sagen: Schwerin ist die einzige Landeshauptstadt Deutschlands, in der Romantik nicht aus Geldmangel verschwindet, sondern aus Gewohnheit.
Was bleibt
Dabei wäre die Idee so einfach. Statt jeder Haltestelle einen emotionslosen Mast mit Fahrplan hinzuklatschen, könnte man das ganze Land zu einer einzigen großen Kuss-Haltestelle erklären. Touristinnen und Touristen, die im Bus nach romantischen Stopps fragen, gibt es genug. Die Idee ist in anderen Bundesländern längst Alltag, berichtet auch SPIEGEL. In MV ist die Bad Doberaner Haltestelle die erste. Man darf also erwarten, dass das Rebus-Team und Bürgermeister Arenz jetzt Post aus jeder Kreisstadt bekommen. Briefe mit rotem Lippenstift-Kuss auf dem Umschlag. Inhalt: „Wann bekommen wir das?“
Schwerin sollte sich warm anziehen. Nicht im Wärmeplan-Sinne, sondern im zwischenmenschlichen. Wenn die Landeshauptstadt nicht aufpasst, ist sie bald die einzige Hauptstadt Deutschlands, in der Küssen an Haltestellen nicht nur nicht erlaubt, sondern physisch unmöglich ist – weil die Haltestelle gerade gesperrt ist, der Schienenersatzverkehr 45 Minuten zu spät kommt und die Sitzbänke fehlen. Ausgerechnet die Sitzbänke. Wer in Schwerin wartet, steht nämlich meistens. Auch das ist eine Form von Beziehungsarbeit – wenn auch unfreiwillig.
Bleibt zu hoffen, dass Bad Doberan nicht der Anfang einer kleinen, liebevollen MV-Reihe ist, an deren Ende Schwerin mit einer offiziellen „Hau-die-Liebe-raus-Haltestelle“ dasteht. Andererseits: Bei den Versuchen, die Landeshauptstadt attraktiver zu machen, war bislang jeder Versuch willkommen. Selbst dieser hier. Besonders dieser hier.
Foto: Jahanzeb Ahsan / Unsplash
Quelle: SPIEGEL
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