Mecklenburg-Vorpommern hat ein medizinisches Versorgungsmodell gefunden, das perfekt zum Flächenland passt: Wer krank ist, bekommt zusätzlich Bewegung. Laut einer aktuellen Untersuchung von ILS Research im Auftrag der ABDA leben 339.000 Menschen im Land weiter als sechs Kilometer von der nächsten Apotheke entfernt. Das sind 21,7 Prozent der Bevölkerung – mit Abstand der höchste Anteil aller Bundesländer. Das Rezept lautet offenbar: erst zum Arzt, dann Ausdauerprüfung.
Bundesweit betrifft die schwache Arzneimittelversorgung 4,9 Prozent der Bevölkerung. In Brandenburg sind es 13,7 Prozent, in Thüringen 10,6 Prozent. MV schafft 21,7 Prozent und lässt damit selbst die Konkurrenz aus dünn besiedelten Ländern aussehen wie ein pharmazeutisches Einkaufszentrum. Die Studie von ILS Research im Auftrag der ABDA definiert Entfernungen von mehr als sechs Kilometern als schwache Versorgung.
Schwerin sitzt im Apotheken-Speckgürtel
Die Landeshauptstadt selbst lebt in einer anderen Wirklichkeit. Nach den vom Nordkurier zusammengetragenen Zahlen zählt Schwerin zu den Landkreisen und kreisfreien Städten mit mehr als 23 Apotheken je 100.000 Einwohner. Eine Barmer-Erhebung kommt für Schwerin im Sechs-Kilometer-Umkreis im Schnitt auf 17,2 erreichbare Apotheken. Im Landkreis Ludwigslust-Parchim sind es 2,1.
„Natürlich ist die Versorgung im Land gesichert“, erklärt ein fiktiver Sprecher aus Schwerin. „Man darf Mecklenburg-Vorpommern nur nicht mit Schwerin verwechseln. Außer bei Pressekonferenzen, Förderbescheiden und schönen Durchschnittswerten.“
Diese Zahlen ergeben das klassische MV-Prinzip: In der Hauptstadt kann man sich auf dem Weg zur Apotheke zwischen mehreren Apotheken verlaufen. Auf dem Land muss man hoffen, dass das Fieberthermometer noch genug Batterie für die Rückfahrt hat. Wer kein Auto besitzt, bekommt zur Erkrankung gratis die Frage, ob der Bus heute überhaupt fährt. Die Logik kennt MV schon aus anderen Teilen des Gesundheitswesens: Auch der Facharztbesuch kann hier zur medizinischen Weltreise werden.
351 Apotheken für ein Land mit sehr langen Wegen
Ende 2025 gab es in Mecklenburg-Vorpommern noch 351 Apotheken, darunter 89 Filialen. 2010 waren es 411. Innerhalb von 15 Jahren verschwanden also 60 Standorte. Auf dem Papier liegt MV mit 22 Apotheken je 100.000 Einwohner trotzdem weit vorn. Das klingt gut, bis jemand eine Landkarte dazulegt und feststellt, dass eine Apotheke in Schwerin einem kranken Menschen in einem abgelegenen Dorf ungefähr so viel hilft wie ein freier Parkplatz in Rostock.
Die Untersuchung hat allerdings auch eine weniger dramatische Seite: Für 63 Prozent der Menschen in MV ist die nächste Apotheke weniger als zwei Kilometer entfernt. Nur vier Prozent müssen mindestens zehn Kilometer zurücklegen. Genau darin liegt die politische Versuchung. Solange die Mehrheit halbwegs versorgt ist, kann man die übrigen 339.000 Menschen statistisch so lange verdünnen, bis aus einem langen Weg ein „regionaler Unterschied“ wird.
Die ABDA warnt besonders vor sogenannten isolierten Apotheken, die ganze Regionen allein versorgen. Fällt einer dieser Standorte weg, wird aus sechs Kilometern schnell deutlich mehr. Bundesweit sank die Zahl der Apotheken bis Ende März 2026 auf 16.541; in 13 Jahren verschwand rund jeder fünfte Standort. Mecklenburg-Vorpommern begegnet diesem Trend bislang mit seiner bewährtesten Infrastrukturstrategie: hoffen, dass der letzte Betrieb länger durchhält als der nächste Busfahrplan.
Die Hauptstadt verwaltet den Abstand
Schwerin könnte die Zahlen als Warnsignal für das ganze Land verstehen. Wahrscheinlicher ist, dass die Landeshauptstadt auf ihre eigene hohe Dichte zeigt und feststellt, die Apotheke sei doch gleich um die Ecke. Das stimmt – in Schwerin. Bei der Krankenhausreform durfte MV bereits lernen, dass Nähe angeblich nicht alles ist. Der Rest des Landes darf sich nun seine Medikamente abholen, sobald Tank, Kreislauf und Regionalbus gleichzeitig mitspielen.
So bleibt die Arzneimittelversorgung ein Musterbeispiel norddeutscher Effizienz: Die Tablette wirkt gegen die Beschwerden, der Weg dorthin ersetzt das Fitnessstudio und die Statistik beruhigt das Ministerium. Wer danach noch krank ist, hat wenigstens bewiesen, dass es ernst war.
Foto: Ivan Chumak / Pexels
Quelle: Nordkurier
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