Schwerin – die schlechte Nachricht zuerst: Die Schweriner haben es auch im Jahr 2026 nicht geschafft, genug Geld für ihre eigene Fassadenkunst zusammenzubekommen. Das Crowdfunding für das Projekt „AllerHand 4″ des Künstlers Tino Bittner sollte ursprünglich am 30. Juni enden – erreicht wurde das Finanzierungsziel in dieser ersten Phase nicht. Die Spendenkampagne wird deshalb kurzerhand bis zum 15. Juli verlängert. Man kennt das Prinzip aus anderen Lebenslagen: Wenn die Stadt ihr Budget nicht voll bekommt, wird nochmal eine Runde gedreht.
„Erste wichtige Hürde genommen“
Klingt erst einmal nach Erfolg: „Die Kampagne hat bereits die erste wichtige Hürde genommen“, zitiert schwerin.news den Künstler Tino Bittner. Schön. Nur ist es halt die „erste“ Hürde – und die zweite ist bekanntlich die, an der die meisten Crowdfundings in Mecklenburg-Vorpommern kippen. Wenn die Landeshauptstadt ihre eigene Kunst nur über Spenden finanziert bekommt, sagt das weniger über die Großzügigkeit der Bürger aus als über die chronische Unterausstattung der Schweriner Kulturpolitik.
„Wenn die Schweriner für ihre Fassadenkunst betteln müssen, läuft im Kulturausschuss etwas grundlegend falsch.“ – Anonyme Stadträtin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will (schwerin)
Kultur als Spendenprojekt
Was „AllerHand 4″ inhaltlich macht? Fassadenkunst – also Kunst, die an Hauswänden angebracht wird und damit das Stadtbild verändert. Klingt ambitioniert, klingt nach Schwerin, klingt nach einer Idee, die eigentlich über den städtischen Kulturhaushalt hätte laufen müssen, statt über ein Crowdfunding im Internet. Die Stadt gibt das Geld lieber für touristische Broschüren, Schloss-Beleuchtung und externe Berater aus. Für Kunst an Hauswänden reicht es nicht – also sammelt der Künstler eben selbst. Und das, obwohl Schwerin offiziell Kulturstadt ist.
Die Pointe ist klar: In Schwerin wird seit Jahren über leerstehende Fassaden und marode Innenstädte geklagt. Wenn dann ein Künstler kommt und diese Flächen aktiv gestalten will, muss er erst einmal das Geld dafür einsammeln – weil weder Stadt noch Land das Projekt aus eigener Kraft stemmen wollen. Die Landeshauptstadt, die sonst gerne mit dem Schloss wirbt, überlässt ihre Hauswände dem freiwilligen Spendenmarkt. Das ist nicht Bürgernähe, das ist Kapitulation mit PayPal-Anbindung.
Verlängerung als Eingeständnis
Die Verlängerung der Kampagne bis zum 15. Juli ist dabei weniger ein Vertrauensbeweis als ein Eingeständnis: Das Konzept ist nicht aufgegangen. Wer bis Ende Juni nicht genug Spenden einsammelt, hat in der freien Wirtschaft einfach Pech – und in der Schweriner Kulturpolitik eine zweite Chance bekommen. Die Frage ist, ob in den nächsten zehn Tagen noch genug Schwerinerinnen und Schweriner das Portemonnaie zücken, um das ehrgeizige Projekt zu retten. Oder ob es, wie so viele andere Vorhaben in dieser Stadt, einfach leise einschläft.
Bis dahin bleibt: Schwerin ist eine Stadt, in der ein Künstler für ein Fassadenkunstprojekt erst einmal einen Monat lang um Spenden bitten muss. Das ist nicht das Versagen eines einzelnen Projekts – das ist das Versagen einer Stadt, die ihre eigene Kunst nicht mehr selbst bezahlen will. Und dann wundert sich noch jemand, warum die Jungen wegziehen.
Foto: Erik Mclean / Pexels
Quelle: schwerin.news
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