Gesellschaft

35 Jahre Sülze und Steuerrad: Warum der Klabautermann in Schwerins Nordstadt das langweiligste Kult-Restaurant der Stadt ist – und genau deshalb funktioniert

Manche Lokale brauchen keinen Sternekoch, keinen Influencer und keine hippe Innenstadtadresse. Sie brauchen ein Steuerrad an der Wand, einen Rettungsring, ein Buddelschiff und eine Speisekarte, auf der Sülze seit 35 Jahren der Dauerbrenner ist. Der Klabautermann in der Schweriner Speicherstraße 24 ist so ein Lokal. Mitten in der Nordstadt, fernab von Altstadt-Instagram, bewirtschaftet das Restaurant mit Pension seit 35 Jahren dieselben Gäste, dieselben Preise und offenbar dieselbe Sülze. Norddeutschland feiert diese Art von Beständigkeit normalerweise als kulturelles Erbe. In Schwerin darf man sie wenigstens als Gastro-Kult bezeichnen.

Mehr zum Thema: Erster Michelin-Stern für Schwerin: Marcel Kube kocht, was die Stadt seit Jahren vergeblich versucht

Mehr zum Thema: Schwerin serviert Weltkulturerbe: Zander, Wild und Ochsenbacke müssen jetzt UNESCO schmecken

Das Konzept ist bestechend einfach. 70 Plätze drinnen, 50 draußen, dazu sechs Doppelzimmer in der Pension oben, eine kleine Bar im Erdgeschoss und ein Catering-Service für Feiern, die nicht im Haus stattfinden sollen. Auf der Karte stehen Soljanka, Schweinesteak mit Würzfleisch und Käse überbacken, Wildgulasch mit Rotkohl und Klößen. Das klingt nicht nach Food-Trend, sondern nach dem, was ein norddeutsches Restaurant seit drei Jahrzehnten auftischt, wenn es weiß, dass die Stammgäste nichts anderes wollen. Diese Ehrlichkeit ist in der Schweriner Gastro-Landschaft inzwischen so selten geworden, dass man sie als Markenkern bezeichnen muss.

„Wir stehen für gute Küche, ehrliche Portionen und persönlichen Service.“

Eigene Beschreibung des Restaurants Klabautermann, Schwerin

Wo Sülze noch ein Argument und kein Witz ist

In Schwerin wird seit Jahren über das gastronomische Angebot der Innenstadt diskutiert, als gäbe es ein Patentrezept gegen geschlossene Läden und zweite Hand-Mietverträge. Dabei liegt die Antwort auf diese Frage in einer Speisekarte aus der Nordstadt. Die Sülze des Klabautermann ist Leibspeise der Stammgäste, nicht weil sie ein hippes Foto-Objekt wäre, sondern weil sie schmeckt und weil sie seit 35 Jahren gleich schmeckt. Das ist in einer Branche, die alle drei Monate ein neues Konzept braucht, eine ungeheuerliche Leistung. Wer einmal dort war, weiß: Hier kocht jemand, der weiß, was die Leute wollen. Das ist im Jahr 2026 in Schwerin fast schon revolutionär.

Die Symbole der Schifffahrt, die überall im Lokal hängen, sind im Schweriner Binnenland ein bewusstes Stilmittel. Schwerin hat zwar den Schweriner See, aber keine nennenswerte Hafenszene. Trotzdem funktioniert das maritime Inventar. Es suggeriert Übersee, Fernweh und das Gefühl, dass gleich jemand mit einem Tablett vorbeikommt und Labskaus serviert. Stattdessen kommt Sülze. Das ist im Grunde der Witz dieses Ladens: Alles sieht nach großer Fahrt aus, aber das Essen ist bodenständig. Schwerin liebt diese Art von ehrlicher Inszenierung.

Nordstadt: Wo das Kult-Lokal nicht vom Viertel lebt

Die Nordstadt ist nicht das Viertel, das in Schweriner Gastro-Rankings ganz oben steht. Sie liegt abseits der touristischen Pfade, der Altstadt und der Schleife. Genau deshalb funktioniert der Klabautermann dort. Das Lokal lebt nicht von Laufkundschaft, sondern von Stammgästen, die mit dem Auto kommen, parken, essen, trinken und wiederkommen. Wer ein solches Konzept in der Altstadt platzieren wollte, würde vermutlich nach zwei Jahren an der Miete sterben. In der Speicherstraße steht das Restaurant seit 35 Jahren und lacht über jeden Mietvertrag, der in der Innenstadt gerade neu verhandelt wird.

Was in der Nordstadt funktioniert, ist nicht leicht zu kopieren. Es braucht einen Inhaber, der nichts daran findet, in dritter Generation Sülze zu servieren. Es braucht Stammgäste, die das Angebot nicht hinterfragen. Und es braucht eine Stadt, die so ein Lokal nicht durch eine Bebauungsplan-Änderung verdrängt. Schwerin hat das Glück, dass es mit dem Klabautermann ein Nordstadt-Restaurant besitzt, das beweist, wie viel Beständigkeit eine Stadt verträgt, wenn man sie lässt. (gastronomie)

Die Lehre: Nicht jeder Kult braucht Konzept

Wer in Schwerin ein Restaurant eröffnet, muss inzwischen einen Pitch mitbringen. Regional, saisonal, nachhaltig, gerne auch mit einem Hauch Storytelling. Der Klabautermann braucht nichts davon. 35 Jahre Sülze, ein paar Symbole an der Wand und ein Preisniveau, das niemanden erschreckt. Das ist in der heutigen Gastro-Welt verdächtig unauffällig und deshalb eine kleine Sensation. Die Schweriner Gastro-Szene darf ruhig bei der „Mutti der Nordstadt“ essen gehen, solange es sie gibt. Wenn sie irgendwann schließt, wird man in Schwerin feststellen, dass nicht jedes Kult-Konzept ein Konzept braucht. Manchmal reicht Sülze.

Foto: Judy Beth Morris / Unsplash

Quelle: Ostsee-Zeitung

Nichts verpassen! 📰 Newsletter abonnieren

Erhalte die neuesten Nachrichten aus Schwerin direkt in dein Postfach – satirisch, ehrlich, geil.

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Schwerin ist Geil auf WhatsApp

Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.

Jetzt Kanal abonnieren

Kostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar

Teilen:

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Genau wie die meisten Neuigkeiten aus Schwerin.