Gesellschaft

140 alte Karossen in Schwerin unterwegs: Wenn Trabi-Fahrer die Innenstadt übernehmen

140 historische Fahrzeuge. DDR-Klassiker, Sportwagen, Roadster, deren Reifen mehr gekostet haben als Ihr Haus. Am Samstag rollte die Blechlawine einmal quer durch die Schweriner Innenstadt. Der Bertha-Klingberg-Platz wurde zur Bühne, der Marktplatz zur Galerie, und die Schweriner Bürgerinnen und Bürger standen staunend am Straßenrand, als wäre das achte Weltwunder zu Besuch. War es auch – aber wir hatten schon mehr Glanz.

Lokale Prominenz wie Hans-Jürgen Rosin stellte die Fahrzeuge vor, wissend zu Baujahr, Modell und Geschichte. Wer von Schwerin in den nächsten Jahren noch ein Auto ohne Smartphone-Anbindung will, sollte sich warm anziehen. Diese Sammlung war eine Drohung in die Zukunft.

Ein leuchtend roter Roadster ersetzt kein Verkehrskonzept

Da stand er, der chromblitzende Hingucker, im Konvoi auf dem Weg zum Marktplatz. Ein Straßenbild wie aus einem anderen Jahrhundert – nur ohne die damalige Sicherheit. Die Passanten zückten ihre Handys, als gäbe es kein Morgen. Vielleicht war das auch gut so: Wer sein Leben lang nur per Auto die Stadt durchquert hat, sah nun, was für ein Glück Schwerin eigentlich hat, wenn der Markt nicht gerade wegen einer Baustelle gesperrt ist.

Die Mischung machte den Reiz aus: Trabant und Sportwagen, Wartburg und Pick-up. Ein leuchtend roter Roadster zog die meisten Blicke, ein hellgelber Wartburg die nostalgischsten Erinnerungen, ein olivgrüner Trabant Kübelwagen die meisten Sprüche. „So viele unterschiedliche Autos auf einmal sieht man wirklich selten“ – so eine Passantin am Straßenrand. Wohl wahr. Vor allem sieht man in Schwerin meist nur SUVs auf dem Weg zu Netto.

Wer in Schwerin im Stau steht, ärgert sich meistens über Ampeln. Wer am Samstag im Stau stand, ärgerte sich, dass die alten Schätzchen einfach nicht schnell genug fuhren – was ja eigentlich sympathisch war.

Nostalgie als Standortmarketing? Funktioniert.

Schwerin hat mit dem 14. Oldtimertreffen mal wieder gezeigt, dass man hier Festivals kann. Das Stadtfest, das Drachenbootrennen, das Bierfest – alles gerne mal mit ein paar Tausend Menschen, und alle beschweren sich über das Wetter. So muss das. Aber das Oldtimertreffen hat Seltenheitswert: Hier kommen Menschen mit Geld UND Geschmack. Beides ist in Mecklenburg-Vorpommern statistisch eher dünn gesät.

Wer in Schwerin etwas bewegen will, sollte sich ein altes Auto zulegen. Denn wer schon mal mit einem restaurierten Trabant durch die Stadt rollt, hat einen Parkplatz, einen Applaus und gute Chancen auf die nächste Tiefgaragen-Karte – ohne Antrag, ohne Widerspruch, ohne drei Monate Wartezeit beim Bürgerbüro.

Wir sagen es ja nur ungern: Wenn Schwerin so weiter macht, könnte das 15. Oldtimertreffen im nächsten Jahr ausfallen – einfach weil den Leuten vorher die Spritpreise die Lust am Fahren genommen haben. Die 12-Uhr-Tankregel ist ja gerade in aller Munde.

Fazit: Glanz ohne Wirkung

14. Schweriner Oldtimertreffen. Eine Stadt, die sich für einen Tag lang wie eine Filmkulisse anfühlt. Wenn der Chrom erst wieder weg ist und die Trabants in ihren Garagen stehen, bleibt Schwerin das, was es immer ist: eine kleine Stadt mit großem See, kleiner Politik und einer Straßenbahn, die gefühlt nur zu Oldtimerzeiten kommt. Sehen wir uns beim 15. Mal – hoffentlich nicht nur im Museum.

Foto: Burcu Elmas / Pexels

Quelle: Nordkurier

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