Infrastruktur

103 Tage für einen Gehweg: SDS zelebriert den Sommer in der Walther-Rathenau-Straße

Schwerin ist, wenn es um Infrastruktur geht, eine Stadt der Superlative: Die größten Hafenkräne stehen anderswo, die längsten Baustellen aber stehen hier. Der städtische Eigenbetrieb SDS – Stadtwirtschaftliche Dienstleistungen – hat dieser Tage bekannt gegeben, dass die Walther-Rathenau-Straße ab dem 20. Juli bis voraussichtlich 30. Oktober in eine zusammenhängende Halbseitensperrung verwandelt wird. Für einen Gehweg. 103 Tage. In einer Landeshauptstadt mit 96.000 Einwohnern.

Was die SDS-Pressemitteilung als „die Baumaßnahme erfolgt in Abschnitten“ verkauft, ist in Wahrheit ein dreiteiliger Verzug: Abschnitt eins, Werderstraße bis Virchowstraße, läuft vom 20. Juli bis 28. August – 40 Tage. Abschnitt zwei, Virchowstraße bis Händelstraße, 29. August bis 27. September – 30 Tage. Abschnitt drei, Händelstraße bis Joseph-Haydn-Straße, endet am 30. Oktober – 33 Tage. Drei Mini-Bauabschnitte, jeder mit eigener Halbseitensperrung, jeder mit eigener Einbahnstraßenregelung in Richtung Bornhövedstraße. Ein Schweriner, der zwischen Werderstraße und Joseph-Haydn-Straße wohnt, darf sich auf einen Sommer freuen, der aussieht wie eine Kleinstadt zwischen Hamburg und Berlin – nur ohne Tempo, dafür mit monatelanger Umleitung.

„Wir sichern die Müllabfuhr“ – als ob das ein Feature wäre

Die SDS-Pressemitteilung verliert besonders viel Tinte an zwei Sätze: „Eine Befahrung der Straße für Rettungsdienste sowie die Feuerwehr ist jederzeit gewährleistet. Ebenso ist die Organisation der Abfallentsorgung gesichert.“ Wer den lokalen Meldungston gewohnt ist, weiß: Wenn eine Behörde das Offensichtliche extra betont, dann hat sie zuvor das Gegenteil praktiziert. In Schwerin, so die unausgesprochene Logik, ist die Sicherstellung der Müllabfuhr keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Verwaltungsakt. Ein fiktiver Anwohner aus der Feldstadt fasst es knapp zusammen: „Immerhin tut sich was. Letztes Jahr haben sie uns nur die halbe Straße gesperrt und sind nicht wiedergekommen.“

Was die SDS nicht sagt, sagt sie zwischen den Zeilen: alternative Wegeführungen und Umleitungen werden „jeweils örtlich gekennzeichnet“. Wer in Schwerin wohnt, kennt diese ominösen gelben Schilder, die zwischen Werderstraße und Bornhövedstraße plötzlich sieben Varianten vorschlagen, von denen zwei in Sackgassen enden. In der Stadt, die angeblich Landeshauptstadt ist, geht die Zahl der Halteverbotszonen offenbar mit der Zahl der Baustellen-Monate eine lineare Beziehung ein.

Schwerins ewige Sommerbaustellen

Drei Abschnitte, drei Monate, ein Gehweg. Ein fiktiver Verkehrsplaner aus dem Schweriner Rathaus, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, formuliert es so: „Wir machen das so, weil wir jedes Jahr aufs Neue planen – und jedes Jahr sind wir überrascht, wie schnell die Zeit rumgeht.“ Eine fiktive SDS-Sprecherin erklärt den Sonderfall Schleswig-Holstein-Straße, Marienplatz oder Lübecker Straße: „Wenn eine Baustelle fertig ist, fängt die nächste an. Die Innenstadt ist langfristig eine einzige Großbaustelle.“ Das ist kein Witz. Das ist die amtliche Verlautbarung einer Stadt, die ihren 96.000 Einwohnern im Sommer den Weg zur Arbeit, zur Schule und zum Einkauf zur Disposition stellt – mit dem Versprechen, dass man „die Beeinträchtigungen so gering wie möglich“ halte. „So gering wie möglich“ ist in Schwerin-Sprache ein dehnbarer Begriff. Manche behaupten, in Schwerin brauche man für 200 Meter Gehweg drei Jahre – andere verteidigen das als „handwerkliche Sorgfalt“.

„Schwerin ist die einzige Landeshauptstadt, in der ein Spaziergang zur Baustellenführung wird – mit kostenlosem Eintritt, jährlich.“ – fiktiver Taxifahrer, Schwerin-Weststadt

Was bleibt: 103 Tage Sommer in der Walther-Rathenau-Straße. Halbseitige Sperrung, Halteverbotszonen, eine Einbahnstraße in Richtung Bornhövedstraße – und die Gewissheit, dass die Innenstadt Schwerins im Winter 2026 noch immer eine Baustelle ist. So kann man das Wörtchen „Landeshauptstadt“ interpretieren: Hauptstadt der Halbseitensperrungen.

Foto: Oleksandr Petroniuk / Pexels

Quelle: SN-Aktuell

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