Gesellschaft

100.000 Euro Verlust und Ouzo aus der Plastikflasche: Wie ein 24-Jähriger in Schwerin an der Landeshauptstadt-Bürokratie verzweifelt – und dem Griechen trotzdem eine Chance gibt

Raman Shikhmous ist 24, kommt aus dem Gastronomie-Nichts, hat alle Ersparnisse in einen Traum gesteckt: ein griechisches Restaurant in der Schweriner Puschkinstraße. „Dionysos“ sollte es heißen, nach dem Gott des Weines. Eigentlich ein gutes Omen. Eigentlich. Heute, fünf Monate nach dem geplanten Eröffnungstermin, sagt Shikhmous, was viele Schweriner Gründer flüstern, aber selten so präzise zusammenfassen: 80.000 bis 100.000 Euro Verlust, drei Servicekräfte verloren, und der Ouzo wird bis heute in 4-cl-Fläschchen rausgereicht – zum Mitnehmen, weil ausschenken darf er ihn nicht.

Die Geschichte des Dionysos liest sich wie ein Schweriner Lehrstück über das, was eine Landeshauptstadt mit ihren Gründern macht, wenn man sie lässt. Geplant war Eröffnung zu Weihnachten 2025. Dann Februar 2026. Dann immer wieder nichts. Der Grund: ein in jeder Hinsicht denkmalgeschütztes Haus, in dem man keine barrierefreie Toilette einbauen darf, und ein Schanklizenz-Verfahren, das in MV offenbar nach der Methode „lieber gar nicht“ funktioniert. Es brauchte eine Übergangsregelung mit Denkmalschutz und „weiteren beteiligten Stellen“. Es brauchte vor allem: Zeit, die Shikhmous nicht hatte.

Miete, Personal, kein Umsatz

Während draußen der Tannenbaum abgebaut und der Frühling eingeläutet wurde, lief im Dionysos nichts außer den Kosten. Miete, Personal, laufende Ausgaben, alles auf der Rechnung, nichts auf dem Teller. Irgendwann konnte Shikhmous nur noch Mindestlohn zahlen. Drei Servicekräfte sprangen ab. Heute arbeiten vier Leute in der Küche und drei im Service für 72 Plätze – und für einen Ouzo, den der Chef an der Tür in Plastikfläschchen rausrückt, weil die Schanklizenz noch fehlt.

„Viele kommen rein, sehen, dass wir keinen Alkohol ausschenken, und gehen wieder. Andere sagen: Endlich muss ich mich mal nicht rechtfertigen, warum ich keinen Alkohol trinke“, erzählt Shikhmous. „Ich bin sowieso im Minus – schlimmer kann es kaum werden. Dann soll wenigstens der Gast etwas davon haben.“ Auf die Frage, wie lange er das durchhält, zuckt er die Schultern. „Solange die Miete noch bezahlbar ist. Die ist es nicht.“

Wer jetzt denkt, das ist ein Einzelfall, hat in Schwerin noch nie versucht, eine Schanklizenz zu beantragen. In MV dauert so etwas gefühlt länger als der Schloss-Umzug eines ganzen Ministeriums. Während anderswo Start-ups in Wochen gegründet werden, braucht ein Restaurant hier fünf Monate, um Alkohol auszuschenken. Der Ouzo zum Mitnehmen ist da fast schon eine innovative Lösung, auf die man in Schwerin stolz sein könnte – wenn sie nicht aus reiner Verzweiflung geboren wäre.

Immerhin: Die Karte steht. Gyros, Bifteki, Steaks, Gerichte mit Metaxa-Soße, alles aus griechischen Lieferanten, die Crew aus Athen, die Brüder Shikhmous am Herd und an der Organisation. Die Gäste kommen, vor allem Touristen, die zwischen Markt und Dom das „Dionysos“ entdecken. Die Karte ist voll, der Ouzo fehlt. Wer mehr mitnehmen will, kann einen Edelstahl-Flachmann für 30 Euro kaufen. Eine Art Schweriner Souvenir, das nirgends so funktioniert wie in der Puschkinstraße.

Die Stadt schweigt

Die letzten Genehmigungen laufen, sagt Shikhmous, „derzeit noch“. Was das heißt, weiß in Schwerin jeder, der schon mal auf eine Baugenehmigung gewartet hat. Es heißt: Irgendwann, vielleicht, wenn der Sachbearbeiter aus dem Urlaub zurück ist. Unterdessen sitzt ein 24-Jähriger in seinem leeren Restaurant, reicht Plastikfläschchen raus und hofft auf den Tag, an dem er endlich wieder etwas ausschenken darf, das in einem griechischen Lokal selbstverständlich sein sollte. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der an Schwerin nicht gescheitert ist – aber an dem, was Schwerin aus ihm gemacht hat.

Foto: Jason Leung / Unsplash

Quelle: Nordkurier

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