Schwerin ist eine Stadt mit Tradition. Eine davon ist: Alle paar Jahre wird irgendeine Hauptverkehrsader aufgerissen, monatelang zur Baustelle erklärt, und am Ende feiern Stadt und Nahverkehr eine Eröffnung, die gefühlt drei Tage später schon wieder unter einer neuen Baustelle verschwindet. Ab Herbst trifft es die Wismarsche Straße — und zwar richtig.
Wie der Nordkurier berichtet, soll die Wismarsche Straße vom Hauptbahnhof bis zum Klinikum abschnittsweise saniert werden. Gearbeitet wird nicht nur am Straßenbelag, sondern auch an Gleisen, Bushaltestellen, Straßenentwässerung und Verbesserungen für Fußgänger und Radfahrer. Klingt erst einmal nach einer erwachsenen Investition in die Infrastruktur. Ist es auch — nur eben in Schwerin.
„Total notwendig“ — und trotzdem jahrelang offen
Bau- und Verkehrsdezernent Bernd Nottebaum (CDU) nennt die Maßnahme „total notwendig“ und verweist auf den angegriffenen Zustand der Straße. Was die Frage aufwirft, wie eine Straße zwischen Hauptbahnhof und Klinikum es schafft, in einem so maroden Zustand zu verharren, dass am Ende eine 30-Millionen-Euro-Sanierung nötig wird — und das, obwohl man über die Dringlichkeit offenbar nicht erst seit gestern spricht. Aber wer in Schwerin lebt, weiß: Zwischen Erkenntnis und Umsetzung liegen hier traditionell zwei Legislaturperioden und eine Bürgermeisterwahl.
Laut Nahverkehr-Geschäftsführer Thomas Schlüter investiert der Nahverkehr bis 2030 insgesamt mehr als 30 Millionen Euro in die Instandsetzung der Infrastruktur, davon gut 15 Millionen an Fördermitteln des Landes. Eine stolze Summe, die sich allerdings relativiert, wenn man bedenkt, dass allein der Bauabschnitt Wismarsche Straße den Löwenanteil davon frisst — und die Franz-Mehring-Straße als unmittelbarer Vorgänger noch nicht einmal vollständig fertig ist. Es klafft also eine Lücke zwischen „noch nicht fertig“ und „schon das nächste Projekt“, die nur eine deutsche Landeshauptstadt so selbstverständlich füllen kann wie Schwerin.
Helios zuckt die Schultern
Betroffen ist vor allem das Helios-Klinikum. Das Krankenhaus hält sich mit öffentlicher Kritik auffallend zurück — kein Wunder, denn Helios weiß: Solange die genaue Verkehrsführung noch nicht feststeht, hilft jedes Wort nur den Anwälten der anderen Seite. Klinikum-Sprecher Robert Lehmann betont lediglich, das Haus müsse „durchgängig und im Notfall schnell erreichbar“ sein. Was eine Notaufnahme in einer Stadt mit monatelanger Baustelle auf der Hauptzufahrt tatsächlich ausmacht, darüber mag man lieber nicht spekulieren.
Wir werden pünktlich fertig. Spätestens dann, wenn die Stadt beschließt, das nächste Stück Straße aufzureißen.
Axel Klabe, Bereichsleiter bei den Stadtwirtschaftlichen Dienstleistungen Schwerin (SDS), rechnet mit einem Baubeginn nach den Sommerferien im September. Die „finalen Abstimmungen“ — also jener Teil der Verwaltungsarbeit, der in anderen Städten längst abgeschlossen wäre — stehen noch aus. Konkret bedeutet das: Wenn der erste Bagger rollt, ist unklar, wo genau er rollt, welche Umleitung greift und welche Buslinie wo lang fährt. Eine wunderbare Gelegenheit für alle Schwerinerinnen und Schweriner, ihre Stadt in den kommenden Monaten auf eine Art neu zu erkunden, die kein Tourismusbüro der Welt empfehlen würde.
Fest steht nur eines: Die Autofahrerinnen und Autofahrer dürfen sich auf einer ohnehin schon belasteten Strecke auf Verkehrseinschränkungen einstellen, die Fahrgäste des Nahverkehrs auf Ersatzverkehr, und das Klinikum auf Monate der kollegialen Höflichkeit gegenüber der Stadtverwaltung. Wenn das geklärt ist, kann die Sanierung beginnen — Schweriner Tradition eben.
Foto: Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Quelle: Nordkurier
Schwerin ist Geil auf WhatsApp
Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.
Jetzt Kanal abonnierenKostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar
