Willkommen in Schwerin-Lankow, wo die Zukunft der Duschkultur offenbar in der Vergangenheit liegt. Wie die Stadtwerke Schwerin mitteilten, müssen sich Anwohner der Rahlstedter, Eutiner, Plöner, Kieler und Julius-Polentz-Straße am Mittwoch auf kaltes Wasser einstellen. Der Grund: Bauarbeiten im Fernwärmenetz, eine Versorgungsleitung muss umverlegt werden. Klingt nach einem überschaubaren Eingriff. Ist es auch – nur mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass „überschaubar“ in Schwerin offensichtlich bedeutet, dass gleich fünf Straßen gleichzeitig von der Warmwasserversorgung abgeschnitten werden. Für rund 14 Stunden. Ohne Vorlauf. Ohne Warming-Up. Ohne Mitleid mit den betroffenen Rentnern, Alleinerziehenden und Frühaufstehern.
Schwerin gönnt sich das DDR-Gefühl – kostenlos
Was im Rest der Republik als unhaltbarer Zustand gelten würde, ist in Schwerin offenbar ein ganz normaler Mittwoch. Die Stadtwerke empfehlen den betroffenen Haushalten, sich auf den Ausfall einzustellen – informiert worden seien die Anwohner „über Aushänge“. Aushänge! In einer Zeit, in der jeder Hund einen Instagram-Account hat und jeder Briefkasten digital überwacht wird, kommuniziert die Schweriner Stadtwerke-Tochter den Wegfall der Warmwasserversorgung über das immer noch meistens ungelesene Stück Papier im Hausflur. Wer in Lankow wohnt und in der eigenen Wohnung kalt duschen will, ist also selbst schuld, wenn er oder sie die Aushänge nicht gelesen hat. Was im Übrigen die meisten Mieter einer Mietwohnung niemals tun.
Ich bin 74. Ich stehe jeden Morgen um sechs auf, weil ich seit 50 Jahren um sechs aufstehe. Warm geduscht habe ich in meinem Leben bisher jeden Tag. Außer heute. Heute war alles kalt. Sogar das Handtuch.
— Rentnerin aus der Plöner Straße, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte
Stadtwerke-Logik: Problem? Verlegen!
Die offizielle Erklärung ist so nüchtern wie die Wassertemperatur in Lankow an diesem Mittwoch: eine „notwendige Baumaßnahme im Fernwärmenetz“, eine Versorgungsleitung, die „umverlegt“ werden müsse. Klingt erst einmal nach Planung, nach vorausschauender Infrastrukturpolitik. Wer genauer hinschaut, fragt sich allerdings: Warum wird eine Leitung umverlegt, die offensichtlich schon seit Jahrzehnten an derselben Stelle liegt? Wurde da neu gebaut, eine Straße verbreitert, ein Radweg geplant, von dem niemand weiß? Oder ist Schwerin einfach eine Stadt, in der Fernwärme-Leitungen ein Eigenleben führen und sich gelegentlich spontan umorientieren – wie die Landespolitik, nur unter der Erde?
Dass die Bauarbeiten zwischen 7 Uhr morgens und 21 Uhr abends stattfinden sollen, ist eine zusätzliche Pointe. Wer also um 19:30 Uhr noch schnell warm duschen will, weil er oder sie den Aushang doch gelesen hat, schaut in die Röhre – beziehungsweise in die eiskalte. 14 Stunden. Mitten in der Woche. In einem Stadtteil, der schon jetzt zu den infrastrukturell benachteiligten Schwerins gehört. Schwerin, die Landeshauptstadt, in der die Warmwasserversorgung ein Glücksspiel ist. Die Mieter, die keine eigene Heizung haben, frieren. Die Singles, die kein Geld für ein Fitnessstudio haben, frieren ebenfalls – nur ohne Muskelkater. Und die Alleinerziehenden, die morgens um sieben ein Kind fertig machen müssen, dürfen sich warm anziehen. Ganz im Sinne der Schweriner Familienfreundlichkeit.
Wir bitten um Verständnis. Es handelt sich um eine notwendige Maßnahme zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit. Alternativ können betroffene Haushalte in unserem Kundencenter vorbeikommen und sich einen Eimer warmes Wasser abholen. Pro Haushalt. Einen.
— Pressesprecher der Stadtwerke Schwerin, der diesen Satz vermutlich selbst nicht glaubt
Lankow übt: Warmwasser war gestern
Was bleibt? Ein Stadtteil, der lernt, was Generationen vor ihm schon wussten: In Schwerin ist warmes Wasser keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Geschenk, das man sich gefälligst verdienen muss. Wer in Lankow wohnt, sollte übrigens vorsorglich ein Waschbecken, einen Wasserkocher und starke Nerven im Haus haben. Die nächste Umverlegung kommt bestimmt. Und sie wird genauso angekündigt werden wie diese: über einen Aushang im Hausflur, den niemand liest, in einer Stadt, die ihre Bewohner lieber Kaltduschen lässt, anstatt einmal in eine vernünftige Kommunikation zu investieren. Warmwasser in Lankow – ein Erlebnisbericht aus dem wahren Schwerin.
Foto: JovanCormac / Wikimedia Commons / CC BY 2.0
Quelle: NDR
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