Schwerin hat 2024 voller Stolz das UNESCO-Welterbe für das Residenzensemble verliehen bekommen. Jetzt, knapp zwei Jahre später, bröselt ausgerechnet das Herzstück dieser Auszeichnung: die 300 Jahre alte barocke Schelfkirche ist einsturzgefährdet. Ein Gerüstturm im Innenraum fängt die Gewölbelast ab — nur so steht das Gebäude überhaupt noch.
Was wie ein Horrorszenario aus einem schlechten Verwaltungsfilm klingt, ist die nüchterne Diagnose der Hermann Reemtsma Stiftung und der Dorit & Alexander Otto Stiftung. Die beiden Hamburger Stiftungen spenden nun 750.000 Euro, damit die dringend nötige Sanierung überhaupt weitergehen kann. Gesamtkosten: rund 3,8 Millionen Euro. Davon kommen 2,3 Millionen aus Landes-Städtebaufördermitteln, der Rest ist ein Flickwerk aus Kirchenkreis-Geld und Spendensammlungen.
Welterbe mit marodem Fundament
Die Ursache ist so profan wie traurig: Über Jahre ist Feuchtigkeit in das Dachtragwerk eingedrungen. Hausschwamm und Fäulnis haben sich unentdeckt in Mauerwerk und Dachbalken ausgebreitet. Wer heute unter dem Gerüstturm in der Schelfkirche steht, steht buchstäblich unter einem Not-Verhinderungs-Konstrukt, das den Einsturz abwendet. Das Sanierungskonzept sieht vor: Ertüchtigung der Dachkonstruktion, Ausbesserung des Mauerwerks, Neueindeckung des Daches.
„Die Konstruktion ist so geschwächt, dass ein Gerüstturm im Innenraum aufgestellt werden musste, der die Gewölbelast abfängt und den Einsturz verhindert.“ — Hermann Reemtsma Stiftung
Hamburg muss retten, was Schwerin nicht erhält
Dass ausgerechnet Hamburger Stiftungen das Welterbe in der mecklenburgischen Landeshauptstadt stützen, hat dann doch eine gewisse Symbolkraft. Hamburg, das Land der saturierten Elbphilharmonie-Spender, springt für die vermeintliche Residenzstadt der Romantik ein. In Schwerin selbst hat man derweil am Sonntag ein Benefizkonzert veranstaltet — fein. Der Steuerzahler zahlt also gern doppelt: einmal für das Welterbe-Etikett, dann für das Benefizkonzert, und am Ende auch noch über den Kirchenkreis für die Sanierung. Die Stadt selbst? Schweigt auffällig zu den Verantwortlichkeiten der letzten Jahrzehnte.
Die Schelfkirche ist nicht irgendein Gebäude. Sie ist das Wahrzeichen der Schelfstadt, Teil des Welterbes und regelmäßig Postkartenmotiv für Touristen, die aus dem Schloss heraus über den Pfaffenteich spazieren. Dass ausgerechnet dieses Bauwerk mit einem Stützgerüst im Innenraum vor dem Kollaps bewahrt werden muss, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Zustand der Schweriner Denkmalpflege. Man feiert das Welterbe — aber das Herzstück fault im Stillen vor sich hin.
Foto: Hans-Jörg Gemeinholzer / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Quelle: ntv.de
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