Wirtschaft

Welterbe ohne Betten: Schwerin kriegt die Touristen – aber keine Hotels

Schwerin (dpa/SIG) | Die Nachricht klingt wie ein schlechter Witz mit verspäteter Pointe: Schwerin ist seit 2024 offiziell Welterbestadt, die Touristenzahlen sind 2025 mit rund 440.000 Übernachtungen auf Rekordniveau – und ausgerechnet jetzt, wo die Welt nach Schwerin kommen will, gibt es kaum ein Dach über dem Kopf. Die erhofften Hotelneubauten? Verschoben, gestoppt oder in der ewigen Schweriner Warteschleife zwischen Bauausschuss, Denkmalschutz und „wir prüfen das“.

Während anderswo Hotelketten Schlange stehen, sobald eine Stadt aufs UNESCO-Setzbuch kommt, passiert in Schwerin: nichts. Drei geplante Häuser mit zusammen über 400 Betten sind in der Pipeline, keines ist gebaut. Die Stadt verweist auf steigende Baukosten, das Land auf fehlende Förderbescheide, die Investoren auf die Politik – und die Politik verweist zurück. Ein Schweriner Behörden-Ping-Pong auf Welterbe-Niveau.

Welterbe-Touristen übernachten in Rostock

Die Folge: Ein Drittel aller Welterbe-Besucher, die länger als einen Tag bleiben wollten, weicht mittlerweile nach Rostock, Hamburg oder auf Hausboote vor Ort aus. Auf dem Pfaffenteich liegen inzwischen so viele schwimmende Pensionen, dass die Schwäne Streit um die Ankerplätze haben. Eine Airbnb-Suche in Schwerin Innenstadt liefert im Juni 2026 stolze drei Treffer – zwei davon sind Zimmerspringbrunnen im Schlossgarten, die ein findiger Vermieter als „romantische Welterbe-Suite unter Sternen“ inseriert hat. Frühstück inklusive Schwänen.

Wir haben das Welterbe gekriegt, aber keine Betten. Das ist, als würde man den Schlüssel zu einem Schloss bekommen, in dem man nicht übernachten darf. Wobei – das Schweriner Schloss ist wenigstens tagsüber offen. Für die Touristen.

Die zuständige Wirtschaftsdezernentin zeigte sich zuversichtlich: „Wir sind in sehr konstruktiven Gesprächen.“ Auf die Frage, mit wem, seit wann und worüber, antwortete sie mit dem, was man in Schwerin einen „Lacher“ nennt: einem langen, betroffenen Schweigen, gefolgt von einem Verweis auf die nächste Sitzung. Die Hoteliers der Stadt – noch drei verbliebene – beschwichtigen derweil, die Lage sei „herausfordernd, aber keinesfalls existenzbedrohend“. Man werde einfach die Preise erhöhen, bis sich die Welterbe-Touristen die Übernachtung nicht mehr leisten könnten. Marktwirtschaft funktioniert eben auch in der Provinz – nur leider genau andersherum als erhofft.

Unterdessen plant die Stadtvertretung einen neuen „Runden Tisch Hotelbau“ – Termin steht noch nicht fest, man wolle aber „zeitnah“ einladen. Erfahrungsgemäß versteht man in Schwerin unter „zeitnah“ denselben Zeitraum, in dem die Hotels hätten fertig sein sollen. Wann das so weit ist, weiß keiner. Bis dahin bleibt Schwerin Welterbe zum Anschauen – und Rostock zum Übernachten. Die Schwäne auf dem Pfaffenteich sehen der Entwicklung gelassen entgegen: Solange keine Hotelkette auf ihrem See plant, ist ihnen die Bettenknappheit herzlich egal.

Foto: Harald Hoyer / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Quelle: NDR.de

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