Schwerin – Wenn die Politik nicht zu den Bürgern kommt, kommt eben die Musik zur Politik. Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern veranstalten am 12. Juli ein Wandelkonzert der etwas anderen Art: »Ich & Wir« führt nicht durch Kirchen oder Konzertsäle, sondern direkt durch die Machtzentralen des Landes. Los geht’s im Justizministerium, weiter über den Landtag, Endstation Finanzministerium – wo der Haushalt bekanntlich etwas mehr Harmonie vertragen könnte.
Bratsche, Chor und das Staatstheater
Unterwegs musizieren kein Geringerer als der Bratschist Nils Mönkemeyer, die Geigerin Hanni Liang, das Leipziger Vokalensemble Amarcord, das ensemble reflektor und Studierende der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin. Schauspieler des Mecklenburgischen Staatstheaters lesen Texte an den Schauplätzen politischer Entscheidungen. Klingt nach Hochkultur im Hochsicherheitstrakt – ist aber ausdrücklich als öffentliches Format angelegt. Wer ein Ticket ergattert, läuft mit.
Das Wandelkonzert führt vom Justizministerium über den Plenarsaal des Landtags bis hin zum Finanzministerium an Orte politischer Entscheidungen und vereint am Ende alle Gäste auf dem Marktplatz zu einem großen Chor.
Festspiele Mecklenburg-Vorpommern
So die Festspiele in der Programmbeschreibung. Zwischendurch wartet auf die Teilnehmer ein »gemeinsames Essen mit Begegnung und Austausch«. Ein Picknick zwischen Haushaltsberatungen, gewissermaßen. Dass die Landesregierung über ein tiefes Haushaltsloch und die Probleme der kommunalen Finanzausstattung brütet, versteht sich in Schwerin von selbst. Da kommt ein Bratschen-Solo zur rechten Zeit.
Wenn die Politik den Takt vorgibt
Die Idee ist so ambitioniert wie symbolisch: Hochkultur wandert durch jene Räume, in denen sonst über Steuern, Schulen und Straßen verhandelt wird. Wer in Schwerin mit dem Gedanken spielt, sich beim Landtag zu beschweren, könnte das künftig mit Notenpult tun. Die Festspiele versprechen eine Verbindung von Kunst und Demokratie – was in der Landeshauptstadt schon allein deswegen praktisch ist, weil die politische Bühne sonst eher durch Personalmangel auffällt als durch Bürgernähe.
Wird das Finanzministerium nach einem Bratschen-Solo plötzlich zu einem besseren Haushaltsentwurf inspiriert? Wird der Landtag bürgernäher, wenn das Vokalensemble Amarcord im Plenarsaal intoniert? Schwerin wäre nicht Schwerin, wenn die Antwort nicht wäre: wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht wird die Demokratie zwischen Ministerien und Marktplatz wenigstens kurz hörbar.
Wer am 12. Juli ein Ticket ergattert, sollte rechtzeitig am Justizministerium stehen. Wer keins bekommt, hat immerhin die Gewissheit, dass die Schweriner Hochkultur ausgerechnet dort stattfindet, wo der Rest des Jahres die eher leisen Töne überwiegen. Das Wandelkonzert klingt jedenfalls nach einem Format, das mehr versöhnt als die Stadtoberen selbst – und sei es nur für die Dauer eines Mittagessens. (schwerin)
Foto: Ralf Roletschek / Wikimedia Commons / CC BY 3.0
Quelle: Ostsee-Zeitung
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