Vier Prozent. Das ist alles, was die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern laut aktuellem NDR MV-Trend noch einfangen. Ein Prozentpunkt Luft bis zur Fünf-Prozent-Hürde, rund 55.000 Wählerstimmen, die im September 2026 zwischen Wiedereinzug und politischer Bedeutungslosigkeit entscheiden. Die Ausgangslage ist also: ein Sechs-Wochen-Wahlkampf gegen den Realitätsverlust.
Am Samstag haben die Delegierten in Stralsund ihr Wahlprogramm verabschiedet. Einstimmig, wohlgemerkt — man hat sich offenbar vorgenommen, die ewigen Personalquerelen diesmal unter den Teppich zu kehren, wo sie in Schwerin traditionsgemäß am besten aufgehoben sind. Co-Vorsitzende Katharina Horn hatte vorab gefordert, wieder über Inhalte zu reden. Hat geklappt. 17 Kapitel lang.
Klimaneutral 2035 — weil die Jugend den Vorstand überstimmen durfte
Klimaneutralität bis 2035 für Mecklenburg-Vorpommern. Eigentlich wollte der Vorstand 2040, die Grüne Jugend hat den Antrag gestellt, und siehe da: die Basis hat geliefert. Ein seltener Vorgang in einer Partei, in der sonst eher die Parteilinke der Basis beim Funktionieren zuschaut. Klimaschutz soll als Staatsziel in die Landesverfassung — was bei einer Landesregierung, die das autonome Fahren gerade für die Provinz freigibt, in etwa so wirkt, als würde der Papst ein Fitnessstudio abonnieren.
Schweinswal-Rettung, Heringe und das 2.000-Meter-Glück
Ein Rettungsprogramm für den heimischen Schweinswal, der vom Aussterben bedroht ist. Seegraswiesen und Stein-Riffe sollen wieder her, der Hering soll wieder beißen dürfen, der unbeabsichtigte Beifang soll mit naturgerechten Fangmethoden reduziert werden. „Naturgerechte Fangmethoden“ — das klingt, als würde jemand den Fischern erklären wollen, dass die Fische auch Gefühle haben.
Windparkanwohner bis 2.000 Meter und Solarpark-Nachbarn bis 500 Meter sollen vollständig vom Netzentgelt befreit werden. „Nachbarbonus Erneuerbare“ — pro Haushalt „hunderte Euro im Jahr“ Ersparnis. Das ist das Eingeständnis, dass man in Mecklenburg-Vorpommern Windkraftanlagen hauptsächlich dann akzeptiert, wenn man selbst daran verdient. Fair enough.
Wohnen, Bildung, kostenloses Ticket — aber bitte ohne Gegenrechnung
Mehr Wohnraum, energetische Sanierung, kleinere Kitas und Schulklassen, klimafreundliche Häfen, Schiffsrecycling „endlich ermöglichen“, ein kostenloses Deutschlandticket für alle unter 27 — die Grünen wollen viel, sehr viel. „Ohne zu sagen, wie sie das finanzieren wollen“, steht im NDR-Bericht. Das ist ehrlich. Das ist auch gleichzeitig das ganze Problem.
„Hier im Land werde entschieden, ob Klima und Umwelt zwischen erstarkenden Rechtsradikalen und ökologisch-labilen Sozialdemokraten zermahlen werden.“
— Luisa Neubauer, Klimaschutz-Aktivistin, beim Grünen-Parteitag in Stralsund
Bundesvorsitzende Franziska Brantner war auch da, genauso wie Luisa Neubauer. Die Berliner Prominenz ist mitgereist, weil vier Prozent in der Fläche Mecklenburg-Vorpommern in der Bundespartei ungefähr so viel bedeuten wie ein Heizpilz auf dem Schweriner Schlossfest: nett, aber politisch vollkommen unerheblich — außer man steht kurz vor dem kalten Aus.
Reine Mathematik statt Magie
Spitzenkandidatin Claudia Müller sagt: kämpfen. Sie hat auch eine Rechnung aufgemacht. Rund 55.000 Stimmen. Rein rechnerisch brauchen sie dafür eine Kombination aus frustierten SPD-Wählern, angetriebenen Erstwählern und ein paar Restbeständen von denen, die vor zehn Jahren mal FDP gewählt haben und jetzt glauben, dass die Grünen die einzige Partei sind, die noch was vom Regieren versteht.
Es bleibt also dabei: ein Sechs-Wochen-Wahlkampf, 17 Kapitel Programm, Schweinswal, Windkraft-Nachbarschaftsbonus, kostenlose Tickets — und am Ende wird ausgezählt, ob die Grünen in MV überhaupt noch eine Rolle spielen oder ob die 4% genau das sind, was sie versprechen zu sein: eine Hürde.
Foto: Markus Spiske / Pexels
Quelle: NDR
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