Die Fraktion Die Linke im Schweriner Rathaus hat die nächste große Klima-Offensive gestartet: Ab kommender Sitzungsperiode soll die Werbung für Flugreisen, Fast Fashion und importierte Lebensmittel in der Landeshauptstadt drastisch eingeschränkt werden. Der entsprechende Antrag wird am 29. Juni in der Stadtvertretung beraten – vermutlich in einem der raren Momente, in denen überhaupt noch jemand Werbung in Schwerin wahrnimmt.
Während in München, Berlin oder Hamburg Plakatflächen zwischen S-Bahn und Reklamekonzernen Mangelware sind, kämpft Schwerin allen Ernstes gegen die Werbeflut an – die hier de facto aus einem beleuchteten Schaukasten am Marienplatz und einer Handvoll Litfaßsäulen am Hauptbahnhof besteht. Die klimatologische Großoffensive richtet sich also gegen eine Bedrohung, die in Schwerin primär aus dem Prospekt des örtlichen Reisebüros besteht, das ohnehin seit März geschlossen hat.
Fast Fashion in Schwerin? Der Hauptbahnhof hat andere Sorgen.
Besonders absurd wird es beim Thema Fast Fashion. Die Linke möchte die Werbung für Billigmode-Ketten einschränken. Es fragt sich nur: wofür? In der Schweriner Innenstadt gibt es genau einen H&M, einen C&A, und der Rest ist Tante-Emma-Laden oder Wollsocken-Fachgeschäft. Wer hier für Fast Fashion Werbung macht, hat die Zielgruppe verfehlt – die kauft ihre Klamotten entweder online oder auf dem Flohmarkt am Pfaffenteich.
Eine Schweriner Passantin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, sagte der Redaktion: „Wenn die Linke die Fast-Fashion-Werbung verbietet, dann doch bitte gleich das Internet. Ich geh eh nur in den Konsum, weil ich mir die fünf Euro für die Parkuhr spare.“
„Es geht nicht um Verbote, es geht um Verantwortung. Werbung für klimaschädliche Produkte hat in einer Landeshauptstadt, die sich den Pariser Klimazielen verpflichtet fühlt, nichts verloren.“
So oder so ähnlich wird es in der Antragsbegründung stehen. Die Schweriner Realität sieht freilich anders aus. Die Landeshauptstadt mit ihren rund 96.000 Einwohnern hat kein einziges Plakat, das einer Flugreise würdig wäre. Die letzte Werbung für Turkish Airlines war im Reisecenter am Marienplatz – und die war handgemalt. Auch der Hinweis auf importierte Lebensmittel verfehlt in einer Stadt, deren gastronomischer Höhepunkt die Currywurst am Markt ist, leicht das Ziel.
Symbolpolitik mit Ansage
Dass ausgerechnet die Landeshauptstadt MV den Vorreiter im Klimaschutz durch Werbeverbote spielen will, hat etwas Rührendes. Man stelle sich vor: Berlin wäre schon längst klimaneutral, wenn die Werbe-Verbots-Flut aus Schwerin die Republik erfasst. Vorerst bleibt festzuhalten: Wer in Schwerin Werbung verbieten will, hat den Ernst der Lage erkannt – nur leider den falschen Ernst.
Foto: Rick Alday / Unsplash
Quelle: Ostsee-Zeitung
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