Gesellschaft

Schweriner wandert nach Australien aus, wird reich – und die Stadt nickt wissend: ‚Hätten wir hier auch nicht geschafft‘

Schwerin. Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Knapp 96.000 Einwohner. Ehemaliger Standort einer Plastverarbeitungs-Firma mit 1.200 Mitarbeitern. Heute: Standort einer Erinnerung daran, wie das hier alles mal war, bevor die Wende die Leute wegpustete. Einer derjenigen, die weggepustet wurden, ist Thomas S. Der gebürtige Schweriner wanderte vor 23 Jahren nach Australien aus, baute sich dort ein Leben auf mit Immobilien, Booten, Wohnwagen und einer halbwegs soliden Altersvorsorge. Und was sagt er heute über seine alte Heimat? „Nur von der Rente hätten wir so ein Leben in Deutschland nicht führen können.“ Autsch.

Die Geschichte, die der Nordkurier erzählt, ist dabei so was von prototypisch, dass man sie fast für eine Pressemitteilung der Schweriner Stadtverwaltung halten könnte. Würde die sich trauen, so ehrlich zu sein. Thomas S. wuchs in Schwerin auf, machte eine Lehre, arbeitete in der örtlichen Plastverarbeitung. Mit der Wende schrumpfte die Belegschaft von 1.200 auf 300 Mitarbeiter. Was danach folgte, war der ganz normale Karriereweg eines talentierten Menschen aus dem Osten: mehrere Stationen, irgendwann Osnabrück, dann Australien. Der entscheidende Anstoß war nicht der Traum vom Koala, sondern die Frage, ob das Leben noch mehr bereithält als das, was man in Deutschland für sich sah. Spoiler: Ja, tut es.

Australien als das, was Schwerin gerne wäre

Was Thomas S. in Australien fand, klingt aus deutscher Sicht wie eine Mischung aus Science-Fiction und Satire-Newsletter: berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, ein Freizeitwert, den er selbst als „enorm“ beschreibt, ein Vorsorgesystem, bei dem der Arbeitgeber während des Berufslebens regelmäßig Geld für die Rente einzahlt. Wer in Schwerin aufgewachsen ist, weiß sofort, dass das nicht hier ist. Hier ist die Vorsorge die Sorge, der Freizeitwert der Wert einer Familienkarte fürs Freilichtmuseum, und die Aufstiegsmöglichkeiten enden am Pfaffenteich. Wer es geschafft hat, ist meistens weg.

Was Thomas S. allerdings nicht erzählt – und was die Schweriner Lokalpresse brav verschweigt – ist, dass die Geschichte natürlich auch eine über die gebürtige Heimat ist. Denn während er in Australien zur Ruhe kommt, feiert seine Mutter in Mecklenburg-Vorpommern gerade ihren 90. Geburtstag. Allein. Ohne ihren Sohn, der in Übersicht sitzt und sich Sorgen macht, „wie die Eltern älter und gebrechlicher werden“. Wer in Schwerin alt wird, hat entweder eine Familie, die bleibt, oder das Glück, dass die Kinder in Bangkok, Sydney oder Hamburg genug verdienen, um die Flüge nach Hause zu bezahlen. Für die Generation dazwischen, die in der Plastverarbeitung war und heute im Sieben-Seen-Center jobbt, gilt: Pech gehabt.

„Da war nicht viel, was uns abgeschreckt hat. Die Firma wurde von 1.200 auf 300 Mitarbeiter geschrumpft. Da denkt man sich irgendwann: Vielleicht ist das hier nicht alles.“

Thomas S., gebürtiger Schweriner, in Australien lebend, zitiert nach Nordkurier

Die wahren Verlierer stehen am Schweriner Hauptbahnhof

Was bleibt, ist die altbekannte Rechnung. Thomas S. ist das, was die Statistik eine „erfolgreiche Abwanderung“ nennt. Er hat es geschafft, draußen. Er hat ein Haus, ein Boot, eine Rente, ein Auto, einen Wohnwagen. In Deutschland wäre er das, was man einen „Solid-Honoratioren des Mittelstands“ nennt. In Schwerin ist er einer von 30.000, die seit 1990 fehlen. Die Stadt hat in der Zwischenzeit Pressemitteilungen rausgegeben. Das Schloss aufpoliert. Eine Imagekampagne gestartet. Mehr Straßenbahnen gibt es nicht. Mehr ICE auch nicht. Mehr Kindergartenplätze sind ein ewiger Kampf, mehr bezahlbarer Wohnraum ein frommer Wunsch. Mehr Leben? Darüber redet man nicht. Das wäre ja schon fast Kapitalverbrechen.

Ein fiktiver Schweriner, nennen wir ihn Holger, 54, ehemaliger Mitarbeiter einer mittlerweile stillgelegten Produktionsstätte im Umland, sagte unserer Redaktion – na gut, hat er nicht, das ist frei erfunden – aber er hätte sagen können: „Ich gönn dem Thomas das ja. Aber wissen Sie, was mich ärgert? Der redet 23 Jahre nicht über Schwerin, und wenn, dann so, dass man merkt, hier war nix zu holen. Stimmt ja auch. Aber musste er das sagen?“ Nein, Holger, musste er nicht. Aber genau darin liegt das Problem. Wer in Schwerin bleibt, schweigt. Wer geht, redet. Und das, was er sagt, ist halt oft: Es war schön hier, aber es ging nicht mehr.

Für Schwerin ist das alles andere als eine Werbung. Aber vielleicht ist es ehrlicher als jede offizielle Pressemitteilung der Stadt, die alle zwei Jahre verkündet, dass Schwerin wächst, weil 127 Leute aus Hamburg zugezogen sind. Die Wahrheit steht in Australien. Sie heißt Thomas S. Sie hat 23 Jahre gebraucht, um zu sagen, was alle schon wussten. Und die Stadt nickt. Wissen, dass das so ist. Und macht weiter. Wie immer. Still. In Plastverarbeitungs-Ruhe.

Foto: Wolfgang Weiser / Pexels

Quelle: Nordkurier

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