Schwerin – Was als stiller Abschied gedacht war, endete in einem bürokratischen Albtraum: Die Urne des Vaters der Familie Radtke wurde auf dem Schweriner Waldfriedhof ausgerechnet in einem Grab beigesetzt, das längst einer anderen Familie gehörte. Der Clou: Den Hinterbliebenen wurde das Missgeschick nicht etwa aktiv mitgeteilt, sondern sie mussten es selbst herausfinden – und bekamen als Entschädigung einen 100-Euro-Blumengutschein im Vorbeigehen überreicht.
„Wir mussten meinen Vater zweimal beerdigen“
Am 13. Mai versammelte sich die Familie auf dem Waldfriedhof, um den Vater zu Grabe zu tragen. Blumen, Worte, eine Handvoll Erde, Umarmungen, Stille. Alles schien seinen geregelten Gang zu gehen – wäre da nicht dieses nagende Gefühl bei Dorit Radtke gewesen: „Etwas stimmte nicht. Ich konnte es nicht greifen, aber es fühlte sich falsch an.“ Erst am Abend sprach sie mit ihrem Bruder – beide hatten denselben Gedanken: am falschen Platz.
Was dann folgte, war eine Woche zwischen Bangen und Wut. Als die Familie Tage später erneut an die Grabstelle kam, bot sich ihr ein Bild der Verwüstung: Die Blumengestecke waren verschoben, „teils zerfleddert“, die soeben erst hergerichtete Grabstätte geschändet. Die SDS-Friedhofsverwaltung hatte den Vater in einem Grab beerdigt, dessen Nutzungsrecht seit Jahren einer anderen Familie zustand. Ob das Grab durch den Groll der eigentlichen Eigentümer oder durch Unbekannte verwüstet wurde – das bleibt bis heute Spekulation. Die Radtkes fragen sich darüber hinaus eine ganze andere Sache: „Wie verroht muss eine Gesellschaft sein?“
„Meine Mutter stand am Boden zerstört da. Wir mussten ihr sagen, dass mein Vater an der falschen Stelle liegt.“
Dorit Radtke, Tochter des Verstorbenen
Anruf ins Leere, dann ein Gutschein im Vorbeigehen
Was folgte, war eine Lehrstunde in Sachen Schweriner Verwaltungskultur. Mehrfach versuchte Dorit Radtke am Montag nach Himmelfahrt, die Friedhofsverwaltung telefonisch zu erreichen – niemand ging ran. Also setzte sie sich ins Auto und fuhr persönlich hin. Dort wurde sie nach eigenen Worten abgefertigt, bevor sie überhaupt ihr Anliegen schildern konnte. „Keine Entschuldigung, kein menschliches Wort, einfach nichts“, zitiert ihr Mann Mario. Selbst als feststand, dass die Urne umgebettet werden musste, habe jedes Zeichen von Anteilnahme gefehlt. „Fehler machen wir alle“, sagt Dorit Radtke – „aber nicht solche.“
Am 20. Mai fand der zweite Abschied statt. Kleiner, leiser, kälter. Als die SDS-Mitarbeiter den Vornamen des Verstorbenen sprachen, brachte den Nachnamen niemand mehr heraus. „Da war klar, dass das hier nur noch Routine war“, so die Tochter. Im Vorbeigehen reichte man ihr einen Umschlag: einen 100-Euro-Blumengutschein. Eine Geste, die mehr weh tut, als sie tröstet. Bei Radtkes bleibt das Gefühl, „nur eine Nummer in einem Geschäftsmodell“ gewesen zu sein.
„Wir mussten meinen Vater zweimal beerdigen – nicht, weil das Schicksal es wollte, sondern weil jemand auf dem Friedhof seine Arbeit nicht gemacht hat.“
Dorit Radtke
Verwaltung rudert zurück: „Kein vergleichbarer Vorfall in fünf Jahren“
Auf Anfrage der Redaktion zeigt sich die Friedhofsverwaltung zerknirscht. Man bedauere den Vorfall; man habe sich intensiv um eine „tragbare Lösung“ bemüht. Auch habe man mehrfach Entschuldigungen ausgesprochen. Ähnliche Fälle habe es „mindestens in den zurückliegenden fünf Jahren“ nicht gegeben. Klingt erstmal beruhigend – wenn man mal davon absieht, dass die Familie in genau diesem Fünf-Jahres-Zeitraum den Albtraum ihres Lebens durchmachen musste.
Als Konsequenz aus dem Vorfall werden die internen Abläufe verschärft: Die Zuordnung einer Grabstätte werde künftig von zwei Personen gegengezeichnet. Was im Klartext bedeutet: Was vorher offenbar im Vier-Augen-Prinzip einer einzelnen Person anvertraut war, wird jetzt zu zweit kontrolliert. Fortschritt in der Schweriner Behördenwelt sieht anders aus, aber immerhin: Die Radtkes haben am Ende wenigstens eine offizielle Entschuldigung bekommen – und einen Gutschein fürs nächste Bukett.
Foto: Acabashi / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
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Quelle: Nordkurier
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