Gesellschaft

Schweriner Staatstheater wird zur Bühne für Schröders Russland-Comeback — 550 Gäste schauten betroffen auf den Festakt

Schwerin – Es gibt Auftritte, die sind so politisch aufgeladen, dass selbst das Staatstheater pusten muss. Als Mecklenburg-Vorpommern am 3. Oktober 2024 zum dritten Mal nach 1992 und 2007 die zentralen Feiern zum Tag der Deutschen Einheit ausrichtete, fanden sich rund 550 Gäste im Mecklenburgischen Staatstheater ein — Spitzen der Verfassungsorgane des Bundes und der Länder, Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Gesellschaft. Mittendrin, in der ersten Reihe, mit seiner Frau So-yeon Schröder-Kim im Schlepptau: Altkanzler Gerhard Schröder.

Ein Mann, der sich in der Bundesrepublik sonst nur noch in Putinschen Empfangssälen blicken lässt, hatte es also mal wieder geschafft, auf das offizielle Parkett der Republik zurückzukehren. Die BILD-Zeitung schrieb damals vielsagend: »Schröder plötzlich wieder in der 1. Reihe«. Wegen seiner unerschütterlichen Freundschaft zu Wladimir Putin, die der Altkanzler auch nach dem Überfall auf die Ukraine nicht aufzukündigen geruhte, gilt er in weiten Teilen der politischen Mitte als geächtet. In Schwerin stand er trotzdem in der ersten Reihe.

»Die Stadt merkt nicht mal, dass es kein Kompliment ist, wenn jemand nur noch dorthin eingeladen wird, wo man froh ist, dass überhaupt jemand kommt. Schwerin war 2024 halt die Einheitsfeier-Last-Minute-Ausweich-Station, und Schröder ist der Last-Minute-Gast. Passt zusammen.«

Schwerin als Ausweich-Standort

Dass ausgerechnet Schwerin Gastgeber war, hatte weniger mit touristischer Anziehungskraft zu tun als mit politischer Verlegenheit. Ursprünglich war die Feier für Sachsen-Anhalt geplant, das aber aus organisatorischen Gründen absagen musste. Also sprang Mecklenburg-Vorpommern ein — wieder einmal. Eine erfundene Schweriner Kulturamtsmitarbeiterin, die am Rand des Festakts am Bühnenrand stand, brachte es auf den Punkt: »Wir sind halt immer die, die rangeklotzt werden, wenn andere nicht können. Das kennen wir von der ICE-Anbindung, das kennen wir vom Flughafen, und jetzt kennen wir es auch von der Einheitsfeier. Wir sind das MV der Standort-Zweitwahlen.«

Während draußen am Alten Garten Zigtausend Menschen mit Roland Kaiser feierten, der mit »Santa Maria« und »Warum hast du nicht nein gesagt« für die notwendige Hintergrundbeschallung sorgte, fand drinnen ein Festakt statt, der den NDR-Liveticker mit den Worten zusammenfasste: Bundeskanzler Olaf Scholz und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig sprachen über die Erfolge und bestehenden Herausforderungen der Deutschen Einheit. Was sie nicht sagten: was die Anwesenheit Schröders über den Zustand dieser Einheit aussagt.

Die Stadt schluckt alles

Schwerin ist 96.000-Einwohner-Stadt, Landeshauptstadt, MV-Visitenkarte. Wenn diese Stadt es zulässt, dass ein wegen seiner Russland-Treue politisch weitgehend Ausgegrenzter beim Festakt zur Deutschen Einheit in der ersten Reihe sitzt, dann ist das weniger eine Aussage über Schröder als über die Stadt selbst. Es ist die Haltung einer Landeshauptstadt, die in den vergangenen Jahrzehnten so oft eingeknickt ist, dass das Einknicken schon zur Tagesordnung gehört.

Eine erfundene Schweriner Schulleiterin, die mit ihrer Klasse den Festakt besuchte, sagte am Tag danach: »Die Kinder haben gefragt, warum der Mann mit dem merkwürdigen Händedruck in der ersten Reihe sitzt. Ich habe geantwortet: Weil Schwerin niemanden vor die Tür setzt, der einen Kaffee mitbringt. Das war nicht die Antwort, die ich gerne gegeben hätte.«

»Die Einheit war 1990 ein Versprechen. In Schwerin 2024 wurde sie zur Tischordnung. Und wer nicht kommt, ist selber schuld, heißt es dann immer. Hauptsache, die Bühne ist voll.«

Die Lichtshow am Schweriner Schloss, die den Festtag abschloss, war hübsch anzusehen. Sie hat den Altkanzler nicht beleuchtet, sondern nur das Gebäude. Das war vermutlich Absicht. Schwerin ist halt doch noch zu retten — solange man das Licht richtig setzt.

Quellen: Ostsee-Zeitung — Einheitsfest in Schwerin: Ex-Kanzler Gerhard Schröder sorgt für Irritationen · BILD — Schröder plötzlich wieder in der 1. Reihe · NDR — Live-Blog zum Bürgerfest in Schwerin

Quelle: NDR

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