Was passiert, wenn man in Schwerin eine Straftat anzeigt, deren Beweise vier Wochen lang in einem Waldstück an der Plater Straße gelegen haben sollen? Man läuft mit einem Jagdhund einmal durch das Unterholz, sagt „nichts gefunden“ und nennt das Ganze dann offiziell „nicht mehr abschließend aufklärbar“. Willkommen in der Landeshauptstadt der offenen Akten.
Der Düsseldorfer Tierschutzverein und Umgebung e.V. 1873 hat, wie der Nordkurier berichtet, bei den Schweriner Behörden Anzeige erstattet. Zwei Wildschweine sollen am 14. Mai an der Plater Straße südlich von Neu Zippendorf gelegen haben, hinter einem kleinen Hügel, einige Meter vom Forstweg, vom Weg aus nicht sichtbar. Aufgefallen war das Ganze durch den Geruch. So weit, so konkret. So ehrlich. Man muss den Düsseldorfern zugutehalten, dass sie in der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns offenbar mehr Empathie für totes Schwarzwild aufbringen als die zuständige Pächterin, die später mit Hund durch denselben Wald lief und prächtige NULL Befunde vermeldete.
Vier Wochen Funkstille, dann eine Pressemitteilung
Was den Vorgang in das Genre Schweriner Absurdität hebt, ist der zeitliche Ablauf. Der Fund war am 14. Mai. Bei der unteren Jagdbehörde ging der Hinweis am 11. Juni ein, also fast einen Monat später. Vier Wochen, in denen vermeintlich hochinfektiöse Kadaver in einem Wald lagen, an einem Ort, der nicht weit von Wegen ist, die Spaziergänger regelmäßig nutzen. Vier Wochen, in denen entweder niemand nachschaute oder niemand nachschauen wollte. Dann, nach dem Eingang der Anzeige, der große Verwaltungsakt: die zuständige Pächterin wurde um Überprüfung gebeten, ging mit Hund durch den Wald, fand nichts. Die Hinweisgeberin wurde kontaktiert, die kannte sich aus, fand auch nichts. Konsequenz im Amtsdeutsch der Stadt: „Der Sachverhalt lässt sich aufgrund des inzwischen verstrichenen Zeitraums nicht mehr abschließend aufklären.“
„Der Sachverhalt lässt sich aufgrund des inzwischen verstrichenen Zeitraums nicht mehr abschließend aufklären.“
— Stadt Schwerin, in einer Antwort, die in jedem anderen Bundesland ein Disziplinarverfahren wert wäre
Diese Sätze sind die traurige Handschrift der Schweriner Stadtverwaltung. Man stelle sich das einmal in Düsseldorf vor. Oder in München. Oder in irgendeiner anderen Landeshauptstadt, in der eine Behörde vier Wochen lang die Hände in den Schoß legt und anschließend erklärt, der Fall sei „nicht mehr aufklärbar“. In Schwerin ist das Routine. Hier verschwinden nicht nur Kadaver, hier verschwinden ganze Vorgänge, Aktenzeichen, Verantwortlichkeiten. Die Natur erledigt den Rest, und die Behörde erledigt die Pressemitteilung.
Wölfe, ASP und die Bußgeld-Fantasie
Die Vereinsprojektleiterin Jagd des Tierschutzvereins, Anita Kreuzer, zeigt sich naturgemäß weniger entspannt. Sie sieht in dem mutmaßlichen Liegenlassen eine mögliche Gefahr als Träger der Afrikanischen Schweinepest. Sie verweist zudem auf nachgewiesene Wölfe im Gebiet und darauf, dass bewusst liegengelassene Wildschweinköpfe als Verstoß gegen das Fütterungsverbot ausgelegt werden könnten. Theoretisch drohen Bußgelder bis 100.000 Euro, im Extremfall Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr. Theoretisch. Praktisch, so der bisherige Ermittlungsstand, gibt es schlicht niemanden, den man zur Kasse bitten könnte. Die Wildschweine sind weg, der Hund hat nichts gefunden, der Fall ist zu.
Dabei war es im vergangenen Jahr bereits zu einem vergleichbaren Fall am Stadtrand gekommen, damals nach einer Drückjagd am beliebten Spazierweg. Der Landesjagdverband stellte damals klar: Aufbruch darf im Wald verbleiben, muss aber eingegraben werden. Schön zu wissen, dass es eine Regel gibt. Noch schöner zu wissen, dass sie offenbar nur in Nordrhein-Westfalen für Verstöße gilt. In Schwerin jedenfalls kommt die Aufklärung eine halbe Ewigkeit später, mit Hund, ohne Befund. Der Wald hat seine eigenen Beweise längst kompostiert.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Landeshauptstadt für die schnellste Verwaltung dann gut ist, wenn gar nichts mehr zu verwalten ist. Kein Kadaver, keine Beweismittel, kein Verursacher, keine Konsequenz. Nur eine Pressemitteilung im Amtsdeutsch, in der „nicht mehr abschließend aufklärbar“ vermutlich als Erfolgsmeldung gemeint ist. Vielleicht ist das die wirkliche Pointe dieser Geschichte: In Schwerin löst sich nicht nur der Fall auf, sondern gleich das ganze Problem. Inklusive Gestank. Inklusive Verursacher. Inklusive Verantwortung.
Wer wissen will, wie man in einer Landeshauptstadt eine Straftat anzeigt und trotzdem im Wald stehen bleibt, muss nicht nach Düsseldorf fahren. Es reicht, auf den nächsten Spaziergang an der Plater Straße zu warten. Und wenn der Hund der Pächterin nicht anschlägt, war halt nichts. So einfach ist das hier. So erschreckend einfach.
Foto: Rolf Schmidbauer / Unsplash
Quelle: Nordkurier
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