Gesellschaft

Schweriner ADFC schickt Radler 40 Kilometer aufs Windrad: Eine Tour für alle, die Schwerkraft für eine Meinung halten

Schwerin/Bützow. Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) Schwerin macht ernst. Wer geglaubt hat, die norddeutsche Radsaison sei nach Pfaffenteich-Runde und einmaligem Besuch des Schlossgartens beendet, wird am 4. Juli eines Besseren belehrt: Es geht 40 Kilometer quer durch Mecklenburg, vorbei an Wiesen und Windrädern, einmal den gesamten Weg nach Bützow – und dann abends mit schweren Beinen und einem neuen Verhältnis zur Erdanziehung wieder zurück.

Start auf dem Marktplatz – wie immer, wenn Schwerin leidet

Treffpunkt ist am Samstag, 4. Juli, um 9:30 Uhr auf dem Marktplatz in Schwerin. Von dort geht es mit dem Zug Richtung Bützow – wohlgemerkt auf eigene Kosten und mit selbst organisierter Fahrt. Wer sein Rad nicht selbst durch den Regionalexpress schleppen will, kann es für 7,50 Euro auf einem Anhänger transportieren lassen, was die Sache ungefähr so gemütlich macht wie ein Schweriner Winter mit Winterschuhen.

In Bützow wartet die Gruppe dann um 11:45 Uhr auf alle, die eigenständig mit dem Rad angereist sind. Die offizielle Tour startet dort, führt über Land und endet an einem Punkt, der die zentrale Sinnfrage der Veranstaltung enthält: Warum fährt man 40 Kilometer mit dem Rad, um am Ende auf ein Windrad zu klettern? Die Antwort: weil Schwerin mittlerweile einen Bergrücken braucht, und die MV-Landesregierung liefert nun mal keine.

„40 Kilometer Rad fahren, um anschließend 100 Meter hochzuklettern? In Bayern nennt man das Wanderung. In Mecklenburg nennt man das Highlight des Quartals.“

ADFC-Ehrenvorsitzender a. D. Wolfgang K., beim ersten Bützow-Frühstück

Das Windrad: Stolz, Schwindel und 20 Leute pro Gruppe

Höhepunkt ist laut Veranstalter die Besteigung eines Windrades bei Groß Schwiesow. Damit das Ganze zwischen Abenteuerurlaub und Realitätsverlust bleibt, empfiehlt der ADFC Helm, lange Kleidung, festes Schuhwerk und Schwindelfreiheit. Pro Gruppe dürfen maximal 20 Personen gleichzeitig die Anlage erklimmen, danach wird gewechselt – vermutlich auch, weil der Mitarbeiter oben zählen muss, wer schon wieder unten ist.

Wer oben ankommt, hat Aussicht bis nach Mecklenburg und zurück, was ungefähr heißt: man sieht Felder, einen Höhenzug, eine Landstraße und – wenn das Wetter mitspielt – das Schweriner Schloss in der Ferne. Wer oben ankommt und runterguckt, hat danach einen Therapeuten in Bützow, eine BahnCard 100 und das sichere Wissen, dass die Schwerkraft kein Konzept, sondern eine Beleidigung ist.

„Wir hatten schon Wanderer, die oben ankamen und plötzlich feststellten, dass sie lieber am Boden geblieben wären. Mecklenburg-Vorpommern eignet sich hervorragend dafür, weil der Boden hier ohnehin sehr nah ist – näher als in den Alpen.“

Mecklenburger Hobbybergführer Jens-Henning L., Anekdotensammler

Kosten, Logistik, Lebensfragen

ADFC-Mitglieder und Kinder zahlen 3 Euro, Erwachsene ohne Mitgliedschaft 6 Euro. Die Anhänger-Mitnahme schlägt mit weiteren 7,50 Euro zu Buche. Die Anmeldung läuft per E-Mail an den ADFC Schwerin. Wer am Ende den Tag mit Muskelkater, Sonnenbrand und einem Instagram-Foto von oben abschließen will, sollte sich rechtzeitig anmelden – die Gruppengrößen oben sind begrenzt, und wer in Schwerin zu spät kommt, kommt nirgendwo mehr an.

Zurück nach Schwerin geht es schließlich wieder mit dem Regionalexpress ab Bützow. Radler, die auf der Hinfahrt den Anhänger-Service gebucht haben, bekommen ihr Rad ebenfalls zurücktransportiert. Wer eigenständig geradelt ist, schiebt nun das Rad durch den Bahnhof Bützow und überlegt, warum Schwerin keine Berge hat. Eine Antwort: weil der einzige Höhepunkt der Stadt ein Schloss ist, und das zählt landschaftlich nicht.

Foto: Jędrzej Koralewski / Pexels

Quelle: Nordkurier

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