Schwerin. Während sich der Schweriner Landtag in diesen Tagen vor allem mit Haushaltsberatungen, Formfehlern und der nächsten Sitzungs-Verschiebung beschäftigt, hat ein 19-jähriger Abiturient die demokratische Kernkompetenz der Landeshauptstadt kurzerhand selbst in die Hand genommen. Jannis Bönsel, frisch gebackener Stift, lädt zur „Tafelrunde“ – einem Diskussionsformat, das Jugendliche aus dem ganzen Land an einen Tisch bringt, um über die Themen zu reden, an denen die gewählten Volksvertreter routinemäßig scheitern.
Künstliche Intelligenz, Bildung, ÖPNV – drei Begriffe, drei Schwerpunkte, an denen sich jeder durchschnittliche MV-Abgeordnete seit Wahlperioden die Finger wund schreibt. Bönsel packt sie in eine Sendung und gibt sie an die Generation weiter, die mit den Folgen dieser Politik leben muss. Die Eröffnung fand passenderweise im Schweriner Landtag statt – jenem Gebäude, in dem die echten MdLs es meistens schaffen, sich drei Stunden lang gegenseitig zu erklären, warum nichts geht, was sie beschließen könnten.
Mikrofon statt Mikrofon-Geschiebe
Was Bönsel offenbar begriffen hat, was der Ältestenrat des Landtags bis heute nicht versteht: Demokratie funktioniert nicht durch das gegenseitige Ignorieren von Anträgen. Sie funktioniert durch Zuhören. Bei der „Tafelrunde“ diskutieren die Jugendlichen in Kleingruppen, dann im Plenum – ganz so, wie es sich für ein Parlament gehört, nur ohne den üblichen Koalitions-Zwang und ohne die peinliche Inszenierung, die sich in Schwerin „Plenardebatte“ nennt.
Ein anonymer Beobachter aus der Schweriner Verwaltung, der namentlich nicht genannt werden wollte, weil er selbst seit 14 Jahren auf eine Antwort seines Abgeordneten wartet, zeigte sich gerührt: „Ich wusste gar nicht mehr, dass man in diesem Haus auch mit Menschen reden kann. Normalerweise kenne ich das nur aus dem Sitzungskalender, in dem steht, welche Sitzung verschoben wird.“
„Wenn ein Schüler mehr junge Leute an einen Tisch bringt als der Landtag in einer Legislaturperiode, dann läuft irgendwas grundlegend verkehrt – und zwar nicht beim Schüler.“
Anonyme Quelle aus dem Schweriner Schloss
Bildungspolitik als Pflichtfach
Bildung ist eines der drei Themen der „Tafelrunde“ – und ausgerechnet da, wo das Bildungsministerium sich sonst durch Pressemitteilungen aus der Verantwortung stiehlt, sitzen auf einmal echte Betroffene und reden Klartext. Was Schülerinnen und Schüler in MV über ihre eigene Schule denken, hat in Schwerin seit Jahren höchstens Seltenheitswert. Bönsel macht es zum Hauptfach.
Die Ironie dabei: Während die Landesregierung mit dem demografischen Wandel kämpft und gleichzeitig Neubaugebiete plant, als gäbe es bald 100.000 zusätzliche Schweriner, lädt ein einzelner Abiturient seine Altersgenossen einfach dazu ein, darüber zu reden, wie sie hier eigentlich leben wollen. In der Stadt, die für eine Generation baut, die längst nicht mehr in dem Tempo nachrückt, wie die Baupläne es vorsehen.
Eine Schülerin aus Rostock, die an der Debatte teilnahm, brachte es auf den Punkt: „Wir haben zum ersten Mal das Gefühl, dass uns jemand zuhört. Im Landtag ist das Gefühl eher: Wir werden in Statisten-Rollen in Pressemitteilungen zitiert.“ Die Reaktion der anwesenden Abgeordneten – sofern welche anwesend waren – soll sich laut Augenzeugen in höflichem Schweigen erschöpft haben. Wahrscheinlich die produktivste Reaktion, die der Saal in diesem Quartal gesehen hat.
Schwerin als Hauptstadt der Selbstüberholung
Natürlich darf man das Format nicht überfrachten. Die „Tafelrunde“ ist keine Revolution, sie ist ein Diskussionsabend. Aber sie zeigt, woran es in Schwerin seit Jahren mangelt: an jemandem, der den Laden einfach mal aufschließt, das Mikro aufdreht und die Leute miteinander reden lässt, anstatt sich in Ausschüssen gegenseitig das Wort zu entziehen.
Die echte Pointe kommt jetzt: Wenn ein 19-Jähriger das hinbekommt, was die Fraktionsvorsitzenden seit fünf Wahlperioden nicht hinkriegen, dann muss man sich fragen, ob das Problem bei den Schülern liegt – oder bei denjenigen, die sich „Volksvertreter“ auf das Wahlplakat drucken lassen, im Landtag aber lieber auf stumm schalten.
Immerhin: Jannis Bönsel hat jetzt schon mehr Schweriner Demokratiestunden produziert als der gesamte Innenausschuss im ersten Halbjahr 2026. Ob das ein Grund zur Freude oder zur Scham ist, muss jeder selbst entscheiden.
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Foto: Stiven Rivera / Pexels
Quelle: NDR
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