Gesellschaft

Schwerin will Großstadt werden: 100.000-Einwohner-Marke zum Greifen nah – Verwaltung tagt im Aktenordner-Keller

Willkommen in Schwerin, der Stadt, die sich Großstadt nennt, sobald drei Leute gleichzeitig im Netto an der Kasse stehen. Aktuell kratzt die Landeshauptstadt mal wieder an der magischen 100.000-Einwohner-Marke – und die Verwaltung gibt sich Mühe, das so zu präsentieren, als hätte man gerade den Mount Everest bestiegen, nur mit Aktenordnern statt mit Eispickeln. (schwerin)

Nach jahrelangem, gemütlichem Schwund, der die Stadt zwischen 96.000 und 98.000 Seelen hin- und herdümpeln ließ, zeigen die Statistiken jetzt wieder nach oben. Migration, Zuzug aus dem Umland und eine stabile Nachfrage nach Wohnraum haben die Kurve leicht angehoben. Der Nordkurier berichtet, dass Schwerin damit fast wieder den Status einer Großstadt erreicht.

Großstadt. Das klingt erst mal nach was. Nach U-Bahn, Starbucks an jeder Ecke, Stau auf dem Stadtring und Beschwerden, dass die Mieten explodieren. In Schwerin heißt Großstadt allerdings: drei zusätzliche Einfamilienhaus-Siedlungen am Stadtrand, ein neuer Kreisverkehr auf der B106 und eine zweite Filiale vom selben Bäcker. Aber hey, klingt nach Wachstum.

Wachstum, aber bitte mit Bedacht

Die Stadtverwaltung betont, dass es nicht darum gehe, irgendwelche Klientele mit Billigjobs anzulocken, sondern um eine „ausgewogene Bevölkerungsentwicklung“. Man wolle attraktive Baugebiete ausweisen, Familien ansprechen und den Wirtschaftsstandort stärken. Worte, die so ähnlich auch 2003 in einem Papier standen, das am Ende in einem Aktenordner im Keller verstaubte.

Es gehe darum, neue Baugebiete auszuweisen und die Region als Wohn- und Arbeitsort attraktiver zu machen.

Stadtverwaltung Schwerin, via Nordkurier

Klingt machbar, oder? Falsch gedacht. Denn während die einen die Sektkorken knallen lassen wollen, weil wir demnächst sechzigtausend mehr Leute als Bayreuth sind, fragen sich die anderen: Wovon redet ihr eigentlich? Wer in Schwerin auf Wohnungssuche geht, weiß, dass der Markt eher ein Sammelalbum für Gutverdiener ist als ein Ort, an dem Normalsterbliche noch was finden.

Was wirklich zählt

Die Einwohnerzahl ist das eine. Die Frage, ob Schwerin das auch verkraftet, ist eine ganz andere. Der ÖPNV dümpelt mit vier Straßenbahnlinien vor sich hin, die alle im 15-Minuten-Takt fahren, wenn nichts dazwischenkommt – und in Schwerin kommt immer was dazwischen. Die Schulen platzen, die Turnhallen sind seit 2019 „in Planung“, und das einzige, was hier wirklich wächst, ist die Zahl der Baustellen.

Wir wollen ja nicht undankbar sein. Immerhin bewegt sich was. Immerhin spricht man über Schwerin. Immerhin träumen wir wieder von der magischen Marke, die in den 90ern schon mal gerissen wurde. Damals hat die Stadt übrigens auch schon Großstadt gespielt – und zwar so überzeugend, dass die Leute danach scharenweise das Weite gesucht haben.

Soll heißen: Wer Schwerin wirklich auf die 100.000 bringen will, der muss mehr liefern als warme Worte und neue Baugebiete. Der muss die Innenstadt wieder zum Leben erwecken, den See nicht nur Touristen, sondern auch Schwerinern zurückgeben, und vielleicht – nur vielleicht – mal eine Sache wirklich zu Ende bringen, bevor die nächste angefangen wird. (schwerin)

Bis dahin bleiben wir das, was wir immer waren: eine wunderschöne Stadt mit See und Schloss, in der jeder jeden kennt, in der der Bus auch mal zehn Minuten zu früh kommt und in der die Menschen so freundlich sind, dass sie einem selbst dann noch die Tür aufhalten, wenn man sie nicht darum gebeten hat. Großstadt ist kein Titel. Großstadt ist ein Gefühl. Und das haben wir eigentlich schon immer.

Foto: Ralf Roletschek / Wikimedia Commons / GFDL 1.2

Quelle: Nordkurier

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