Schwerin. Landeshauptstadt. 98.308 Einwohner. Und ein ÖPNV, der sich anfühlt wie 1984, weil er auch aus 1984 stammt. Klar, dass da jemand auf die Idee kommt, das Ganze einfach mal eben umzubauen. Komplett. Für umsonst. Weil es ja sonst keiner macht.
Die Bürgerinitiative „Freifahrt.Jetzt.Schwerin“ fordert einen solidarisch finanzierten, entgeltfreien Nahverkehr. Statt Fahrscheine sollen pauschale Monatsbeträge her: 11 Euro pro Erwachsenem im Monat, 8 Euro für Einpendler, 3 Euro für ein Touristenticket. Klingt erstmal nach Sozialismus mit MV-Akzent. Oder einfach nach einer Stadt, die sich was traut.
Die Rechnung des NVS: Geht nicht
Der Nahverkehr Schwerin (NVS) hat sich die Sache angeschaut. Das Ergebnis liest sich wie eine schriftliche Fünf im Referat: Der Vorschlag sei „in seiner jetzigen Form nicht ausreichend durchdacht und insgesamt zu optimistisch kalkuliert“. Begründung: Erfahrungen aus anderen Städten zeigten, dass die Einführung eines kostenfreien Nahverkehrs „regelmäßig zu einer deutlichen Nachfragesteigerung“ führe. Heißt: Wenn Bus und Bahn plötzlich nichts kosten, fahren plötzlich Leute. Verrückte Idee, oder?
„Sehr knapp kalkuliert. Wenn 11 Euro pro Monat reichen sollen, müssten wir gleichzeitig dichter takten, neue Fahrzeuge anschaffen und Personal aufstocken. Wir rechnen mit deutlich höheren Betriebskosten.“
— Nahverkehr Schwerin (NVS), Stellungnahme an die Politik
Der NVS hat natürlich nicht ganz unrecht. 11 Euro im Monat, das sind 132 Euro im Jahr pro erwachsenem Schweriner. Bei 80.000 zahlenden Einwohnern wären das rund 10,5 Millionen Euro im Jahr. Was passiert, wenn plötzlich 30 Prozent mehr Leute Bus fahren, weil es nichts kostet? Genau: Es wird teurer. Viel teurer. Aber das ist halt die Idee hinter kostenlosem ÖPNV. Dass er genutzt wird. Sonst könnte man ihn auch gleich einstampfen. (schwerin)
Pflichtabgabe für alle – auch für die, die nicht fahren
Der Clou an dem Vorschlag ist allerdings ein anderer. Die 11 Euro sind verpflichtend. Auch für Menschen, die kein Bus-Ticket brauchen. Auch für die ältere Dame in Lankow, die seit 30 Jahren nicht mehr Bus fährt. Auch für den Pendler nach Hamburg, der sowieso im Auto sitzt. Verpflichtend. Pflichtabgabe. Für alle.
Genau das kritisiert der NVS: Es stelle sich die Frage, „ob die angestrebte Verlagerung vom motorisierten Individualverkehr auf den öffentlichen Nahverkehr allein durch den Wegfall der Fahrpreise erreicht werden könne“. Und: „Fragen hinsichtlich Akzeptanz und sozialer Gerechtigkeit würden sich aus der vorgesehenen verpflichtenden Beteiligung der Einwohner ergeben.“ Mit anderen Worten: Wer zahlt, soll mitfahren. Wer nicht zahlt, soll zahlen. Das klingt nach Schweriner Logik. Willkommen in der Landeshauptstadt.
„Ich finde die Idee ja eigentlich super. Endlich mal einer, der was vorschlägt in dieser Stadt. Aber wenn ich 11 Euro zahlen soll, egal ob ich fahre oder nicht, fühl ich mich schon ein bisschen erpresst. Das ist wie eine Kabelgebühr, nur ohne Fernsehen.“
— Anwohner aus dem Großen Dreesch, der anonym bleiben möchte
Am 29. Juni entscheidet die Stadtvertretung über das weitere Vorgehen. Was auch immer sie entscheidet: Es wird ein Schweriner Kompromiss. Also: Nichts Halbes und nichts Ganzes. Eine Arbeitsgruppe. Ein runder Tisch. Ein interfraktioneller Arbeitskreis. Und am Ende: Kostenloser ÖPNV in 30 Jahren, wenn die Landeshauptstadt vielleicht noch 70.000 Einwohner hat und keiner mehr Bus fährt, weil es den Bus nicht mehr gibt.
Foto: Niteshift / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
Quelle: Nordkurier
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