Schwerin ist pleite. Nicht offiziell, versteht sich. Offiziell ist man „in einer historisch einmaligen Haushaltslage“, wie der Geschäftsführende Vorstand des Städte- und Gemeindetages Mecklenburg-Vorpommern, Andreas Wellmann, diese Woche in einem bemerkenswert nüchternen Satz zusammenfasste. Inoffiziell dagegen ist die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern mit ihren rund 96.000 Einwohnern die Stadt, die sich noch vor wenigen Jahren das Ziel gesetzt hatte, bis 2029 schuldenfrei zu werden – und die dieses Ziel inzwischen so konsequent verfehlt wie ein Schweriner im Stundentakt den ICE.
44 Millionen Euro Defizit – Tendenz stark steigend
Die nackten Zahlen, die die Stadtverwaltung jetzt auf den Tisch legt, lesen sich wie ein Horrorszenario aus dem Schulden-Thread einer Familien-WhatsApp-Gruppe – nur in Landeshauptstadt-Dimension: Für 2026 plant Schwerin Erträge von rund 454 Millionen Euro. Dem stehen Aufwendungen von knapp 499 Millionen Euro gegenüber. Macht ein geplantes Defizit von mehr als 44 Millionen Euro. Der laufende Finanzhaushalt bleibt ebenfalls tief in den roten Zahlen: Der negative Saldo der laufenden Ein- und Auszahlungen soll im kommenden Jahr mehr als 33 Millionen Euro betragen.
Zur Einordnung: Eine typische Schweriner Familie bräuchte bei diesem Defizit ungefähr 460 Jahre, um das Loch alleine mit dem Geld aus dem Briefkasten zu stopfen – vorausgesetzt, die Schwiegereltern sterben im richtigen Moment und hinterlassen das Ferienhaus an der Ostsee. Für eine Landeshauptstadt gilt: So geht das nicht. Und zwar gar nicht.
„Die Handlungsfähigkeit unserer Städte und Gemeinden steht auf dem Spiel. Die aktuelle Haushaltslage ist in ihrer Dimension historisch.“ – Andreas Wellmann, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Städte- und Gemeindetages Mecklenburg-Vorpommern
Kassenkredite: Von 170 auf 80 – und bald wieder auf 300 Millionen Euro
Besonders bitter: Schwerin hatte die Kassenkredite – also die städtische Version des Dispo-Kredits – in den vergangenen Jahren tatsächlich von zeitweise mehr als 170 Millionen Euro auf rund 80 Millionen Euro heruntergefahren. Das war eine der wenigen Erfolgsmeldungen, mit denen Schwerin in den vergangenen Jahren überhaupt hausieren gehen konnte. Doch jetzt zeigt die städtische Prognose: Sollten die strukturellen Defizite bestehen bleiben, könnten die Kassenkredite bis 2033 wieder auf deutlich mehr als 300 Millionen Euro anwachsen. Das ist nicht Sparbuch, das ist Achterbahn – und zwar rückwärts.
Währenddessen steigen die Pflichtausgaben unaufhaltsam: Allein in der Jugendhilfe klettern die Ausgaben 2026 um rund 12,7 Millionen Euro. Für Kindertagesbetreuung, Bildung und Sport werden zusätzlich mehr als vier Millionen Euro fällig. Weitere 3,1 Millionen Euro entfallen auf steigende Kosten im sozialen Bereich. Hinzu kommen Tariferhöhungen, zusätzliche Stellen und die chronische Unterfinanzierung des Deutschlandtickets, das den ÖPNV in Schwerin so zuverlässig zusammenbrechen lässt wie das Schweriner Schloss sich im 19. Jahrhundert in den Pfaffenteich verabschiedete.
Stadthaus-Kauf für 63 Millionen – mitten im Feuer
Die Stadtspitze reagiert auf das drohende Defizit-Drama mit einer Mischung aus Aktionismus und Verdrängung, die in Schwerin inzwischen zur politischen Folklore gehört. So plant die Verwaltung allen Ernstes, mitten in der schlimmsten Haushaltskrise seit Jahrzehnten das Stadthaus am Packhof zu kaufen – ein Verwaltungsbau, in dem die Stadt seit Jahrzehnten zur Miete sitzt. Kaufpreis: rund 42 Millionen Euro. Sanierung: weitere 21 Millionen Euro. Macht zusammen 63 Millionen Euro. Das ist ungefähr so, als würde man in einer Privatinsolvenz eine Eigentumswohnung auf Mallorca erwerben – nur ohne Strand.
Auch der Ausbau der Palmberg-Arena steht weiter auf der Agenda. Schließlich müssen internationale Volleyballspiele weiterhin in Schwerin stattfinden können. Das ist insofern konsequent, als dass Schwerin bei dieser Prioritätensetzung konsequent bleibt: erst das Sportstadion, dann die Schulen, dann die Schwimmbäder, irgendwann vielleicht die kaputten Straßen.
Bund und Land sollen zahlen – die Kommunen derweil die Faust in der Tasche
Der Städte- und Gemeindetag sieht deshalb vor allem Bund und Länder in der Pflicht. Wellmanns Forderung: das strukturelle Finanzierungsdefizit der Kommunen müsse endlich beseitigt werden. Der Grundsatz „Wer bestellt, bezahlt“ müsse konsequent umgesetzt werden. Konkret heißt das: Wenn der Bund neue Sozialleistungen beschließt, soll er sie auch bezahlen. In Schwerin klingt das in etwa so, als würde der ältere Bruder, der seit Jahren das Geld der Familie verprasst, plötzlich vom jüngeren Bruder verlangen, er solle endlich das klitzekleine Problem mit dem Kontoauszug lösen.
Bundesweit wird der Sanierungsbedarf der Kommunen inzwischen auf rund 231 Milliarden Euro geschätzt – ein neuer Höchstwert. In Mecklenburg-Vorpommern liegt das Haushaltsdefizit laut KfW-Kommunalpanel 2025 bei durchschnittlich 198 Euro je Einwohner. Bundesweit sind es 413 Euro. In Schwerin selbst sind die kommunalen Investitionen im vergangenen Jahr um 5,9 Prozent zurückgegangen – während sie bundesweit um 4,3 Prozent stiegen. Mit anderen Worten: Während anderswo gebaut wird, wird in Schwerin der Sparstrumpf gewendet.
Am 22. Juni wollen Städte und Gemeinden bundesweit mit einem Aktionstag unter dem Motto „Kommunen am Limit“ auf ihre Lage aufmerksam machen. In Schwerin dürfte das Motto besonders gut passen – vorausgesetzt, die Stadtverwaltung hat bis dahin noch Geld für ein Transparent.
Die Frage, wie die Stadt ihre Defizite begrenzen und gleichzeitig notwendige Investitionen finanzieren kann, dürfte ohnehin zu einem der zentralen Themen der Oberbürgermeisterwahl 2026 werden. Einziger Trost für die rund 96.000 Schweriner: Sie sind offiziell nicht allein. Sie sind nur eine von mehreren tausend deutschen Kommunen, die gerade herausfinden, dass „wer bestellt, bezahlt“ in der politischen Realität ein frommer Wunsch bleibt. In Schwerin gilt das ganz besonders.
Foto: Nicola Barts / Pexels
Quelle: Schwerin-Lokal
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