71 Altkleidercontainer stehen derzeit in Schwerin. 71 Stück. Soviel weiß die Stadtverwaltung – exakt. Was sie nicht weiß: Ob das reicht. Diese tiefgreifende Erkenntnis steht in einer aktuellen Informationsvorlage, die der Verwaltung gerade mal so nebenbei aus der Hand gerutscht ist. Wer jetzt denkt, 71 ist doch eine konkrete Zahl – der irrt. Denn 71 ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist: keine Ahnung, ob 71 reicht. Willkommen in Schwerin, der Landeshauptstadt der ungefähren Zahlen.
Seit Anfang 2025 Pflicht – und keiner hat nachgezählt, ob es reicht
Seit Anfang 2025 müssen Alttextilien getrennt gesammelt werden. Bundesweite Pflicht. Die Stadt Schwerin hat das auch gemacht. Also: Container aufgestellt. 71 Stück, verteilt im Stadtgebiet. Dann war erstmal Pause. Ob das nun genug ist, ob die 71 an den richtigen Stellen stehen, ob die Stadtteile abgedeckt sind, die einen Container brauchen – all das wurde bisher nicht systematisch geprüft. Man hat Container hingestellt wie wild. Hauptsache, es steht was rum, das nach Altkleider aussieht.
Gleichzeitig – und das ist der eigentlich interessante Teil – nehmen die Nebenablagerungen „offenbar deutlich zu“, wie die schwerin.news-Redaktion aus der Vorlage zitiert. Sprich: Die Leute tragen ihre Säcke zur nächsten Container-Box, die ist voll, also stellen sie den Sack daneben ab. Macht jeder. Sieht jeder. Und die Stadt? Sieht es auch – dokumentiert es auch – aber die logische Schlussfolgerung „Wir brauchen mehr Container“ zieht sie daraus nicht. Stattdessen schreibt sie eine Vorlage und schickt sie ins Stadtvertretungs-Postfach. Problem erkannt, Problem benannt, Problem bleibt.
„Wenn die Verwaltung nach über einem Jahr Pflichttrennung nicht sagen kann, ob die bestehende Container-Anzahl den Bedarf deckt, dann läuft irgendwo was fundamental schief. Man muss ja kein Mathematikprofessor sein, um zu zählen, ob ein Container voll ist oder nicht.“
Was dabei herauskommt, wenn eine Verwaltung weder den Bedarf kennt noch die Auslastung misst, kann man in Schwerin aktuell an jeder zweiten Straßenecke besichtigen: Tüten mit Klamotten neben Containern, die seit drei Wochen nicht geleert wurden. Dazwischen ein paar leere Dosen, ein Kinderwagen-Reifen, ein halber Teddybär. Das ist keine Altkleidung. Das ist die Visitenkarte einer Stadt, die sich nicht traut, ehrlich zu rechnen. Wobei: ehrlich rechnen geht in Schwerin offenbar generell nicht – erst kürzlich hat das Müllgebühren-Ranking bewiesen.
Landeshauptstadt kann auch Stadtplanung – aber nur auf dem Papier
Die Stadtverwaltung beteuert, eine Bedarfsanalyse sei „in Vorbereitung“. In Vorbereitung. Man stelle sich das einmal in einem Unternehmen vor: Wir haben jetzt ein Jahr lang ein neues Pflichtsystem eingeführt, wir wissen nicht ob es funktioniert, und eine Analyse, ob das System überhaupt das Richtige tut, ist „in Vorbereitung“. In der freien Wirtschaft wäre die Person, die das entscheidet, nach einer Woche Geschichte. In der Schweriner Verwaltung ist sie wahrscheinlich gerade befördert worden.
Immerhin: Schwerin hat knapp 96.000 Einwohner. Auf jeden Einwohner gerechnet kommt ungefähr ein Container auf 1.350 Menschen. Das klingt erstmal nicht schlecht. Wenn man dann aber berücksichtigt, dass Container ungleichmäßig verteilt sind – in manchen Stadtteilen vier an einer Straße, in anderen Stadtteilen wie Lankow oder Neu Zippendorf gefühlt drei pro Quadratkilometer – dann relativiert sich das schnell. Stadtteile mit vielen jungen Familien oder sozial schwachen Haushalten, die mehr Kleidung aussortieren, sind oft die mit den wenigsten Containern. Der Bedarf ist ungleich verteilt. Die Container sind es auch. Die Stadt hat’s nicht geprüft. Passt ja.
Was bleibt? 71 Container. Eine Vorlage, die nach mehr fragt, ohne es zu fordern. Eine Stadtvertretung, die sich die Vorlage durchliest, nickt und zum nächsten Tagesordnungspunkt übergeht. Eine Landeshauptstadt, die sich rühmt, Nachhaltigkeit großzuschreiben – aber nicht mal in der Lage ist, eine vollständige Bestandsaufnahme von 71 Containern zu liefern. Schwerin kann Weltkulturerbe, kann 360-Grad-Stadtscanner, kann Brunnen drei Wochen lang ohne Pumpe lassen. Aber Altkleider zählen? Offenbar zu ambitioniert.
Foto: Pixel Shot / Unsplash
Quelle: schwerin.news
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