Infrastruktur

Schwerin gießt 83 Millionen in eine Gartenschau — auf einer Brache, die heute hauptsächlich Brennnesseln kennt

Schwerin will 2035 eine Landesgartenschau ausrichten. Am Montagabend haben die Stadtvertreter das passende Konzept und eine Absichtserklärung durchgewunken — auf einer Fläche, die der Durchschnittsbürger bislang allenfalls vom Vorbeifahren auf der Bahn kennt: das frühere Industriegelände KIW Vorwärts, zwischen Hauptbahnhof und Medeweger See, wo heute vor allem Wildwuchs, Schotter und die Erinnerung an die DDR-Wirtschaft steht.

Die Initiative stammt ausgerechnet vom Welterbeverein und dem Verein „Pro Schwerin“. Man wolle die Brachflächen nördlich des Hauptbahnhofs als Wohnquartier umgestalten und sie mit einer Gartenschau gleichsam schmackhaft machen — als „Impuls für die Stadtentwicklung“, wie es offiziell heißt. Inoffiziell darf man es einen 83-Millionen-Euro-Hoffnungsschimmer nennen.

Kosten? Laufen.

Die Zahlen lesen sich wie der Klassenarbeits-Test eines ehrgeizigen Schülers: 73 Millionen Euro für den neuen Stadtteil, weitere 10 Millionen für die Gartenschau selbst, also Summe runde 83 Millionen. Was am Ende wirklich herauskommt, weiß noch kein Mensch. Die Stadt will jetzt eine Machbarkeitsstudie ausschreiben — womit das eigentliche Arbeiten erst losgeht, während man sich zuvor schon mal das Konzept genehmigt hat. Wer in Schwerin lebt, kennt das Tempo: erst das Foto, dann die Studie, irgendwann vielleicht der Spatenstich.

Für 83 Millionen bekommt man anderswo in Deutschland eine komplette Straßenbahn-Neubaustrecke, in Schwäbisch Hall ein neues Hallenbad oder in Flensburg die Sanierung eines Stadtteils. In Schwerin bekommt man davon exakt einen Straßenzug — „vom Hauptbahnhof bis zum Medeweger See“, wie es in der NDR-Berichterstattung heißt. Ein Hoffnungsschimmer, der nicht nur grün sein soll, sondern vor allem flächenmäßig ehrgeizig.

„Das ist das Großprojekt, auf das Schwerin seit Jahrzehnten gewartet hat. Wenn 2035 tatsächlich geblüht wird, hat sich das Warten wenigstens gelohnt — vorher warten wir halt weiter auf den ICE.“

— eine fiktive Passantin am Marienplatz, die den Bahnhofsviertel-Aufbruch skeptisch beäugt

Eine Landeshauptstadt als Vorzeigeprojekt

Was die Sache politisch pikant macht: Schwerin ist nicht irgendwo, sondern Regierungssitz eines Bundeslandes. 96.000 Menschen, sieben Seen rund ums Schloss — und seit Jahren das Image der Landeshauptstadt, die vor allem als jene wahrgenommen wird, in der man nicht ankommt, wenn man nicht gerade mit dem Auto oder Regionalbahn kommt. Eine Gartenschau soll das ändern. Ob das gelingt, hängt davon ab, ob die Touristinnen nach 2035 in Schwerin nur das Schloss sehen — oder eben auch den neuen Stadtteil.

Eine ältere Dame, die wir uns am Hauptbahnhof dazu ausgedacht haben, brachte die Stimmung präzise auf den Punkt: „Hier fährt seit zwanzig Jahren kein ICE. Aber 2035 soll hier geblüht werden? Ich wette, ich erlebe weder das eine noch das andere.“ Daneben steht ein Mann mit Modelleisenbahn im Schaufenster eines leerstehenden Ladens und sagt: „Die Gartenschau planen Leute, die 2035 in Rente sind. Wir hier vorne an der B 106 machen das mal.“

Dass das Konzept selbst in den politischen Reihen nicht unumstritten ist, ahnt man zwischen den Zeilen. Welterbeverein und „Pro Schwerin“ treiben das Projekt, die Stadtverordneten tragen es mehrheitlich mit, eine kritische Minderheit schweigt vorerst. Wenn die Machbarkeitsstudie kommt, beginnt erst das wirkliche Ringen: um jeden Meter Radweg, um jede Förderzusage, um jede Anwohnerbeschwerde. Bis dahin bleibt das Gelände, was es heute ist — eine der teuersten Hoffnungen der Stadt.

Immerhin: Schwerin zeigt Ambition. Eine Landesgartenschau ist keine Kleinigkeit; sie ist Aufwand, Hoffnung und Gestaltungswille in einem. Wenn 2035 in Schwerin tatsächlich Tulpen und Beete stehen, dann hat sich der Mut gelohnt — auch wenn bis dahin noch einige Haushaltsdebatten, Bauleitplanungen und wahrscheinlich drei Oberbürgermeister-Wahlen ins Land gehen.

Wer am Montagabend in der Stadtvertretung saß, hat übrigens nicht applaudiert, sondern pflichtschuldig abgestimmt. Das ist in Schwerin fast schon ein Wort.

Foto: Pixabay / Pexels

Quelle: NDR

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