Schwerin hat ein neues Lieblingsspielzeug. Die „Mecklenburg“ ist jetzt vollelektrisch unterwegs. Kein Diesel mehr, kein Gestank, keine Abgase. Ein historischer Moment für die Landeshauptstadt. Ein Quantensprung. Ein klares Signal: Hier wird Klimapolitik nicht nur geredet, sondern gemacht. Auf dem Wasser. Mit einem Schiff. Für die Touristen.
Währenddessen fehlt in der Neumühler Straße der Altglascontainer. Einfach so. Wegen Bauarbeiten. Seit Wochen. Wer sein Altglas loswerden will, darf entweder zum Treppenberg laufen, zum Leuschenberg fahren oder es unter dem Weihnachtsbaum im Vorgarten zwischenlagern, bis die Baumaßnahme „beendet ist“ – ein Zeitpunkt, den die zuständige Stadtwirtschaft so präzise benannt hat wie die Deutsche Bahn den nächsten pünktlichen ICE.
„Wir lassen ihn so lange leben, wie er möchte“ – so spricht Schwerin über seine Elektro-Schiffe. Bei den Altglascontainern ist die Stadt deutlich weniger geduldig. Die verschwinden einfach.
Zwei Geschwindigkeiten
Schwerin hat zwei Tempi. Das eine ist das Tempo, mit dem die Landesregierung im Schneckentempo fährt, wenn es um das liebste Prestige-Projekt geht. Hier wird verkündet, getauft, fotografiert, eine Pressemitteilung rausgehauen. Auf dem Wasser glänzt die Stadt mit der Zukunft. An Land glänzt sie vor allem mit Bauzäunen.
Das andere Tempo ist das, mit dem die alltägliche Infrastruktur funktioniert. Glascontainer: weg. Radsporthalle: noch nicht da, Parkgebühren dafür: schon da. Waldfriedhof: verwechselt Gräber. Stadtwirtschaft: hat keine Altkleider, die noch nicht verkauft sind. Stadtwerke: Nulltarif-ÖPNV? Gern, aber erst in drei Jahren. Ehrenamtler: zahlen jetzt 1,50 Euro pro Stunde. Für die Arbeit, die sie umsonst machen.
Aber immerhin: Das Schiff ist elektrisch. Damit lässt sich bei jeder Hafenrundfahrt wunderbar angeben, wenn die eigenen Gäste aus Hamburg, Berlin oder München im Boot sitzen. Die wiederum nach der Rückkehr am Anleger in einen Altglas-Container werfen wollen, der nicht da ist, weil in der Neumühler Straße gebaut wird. Was ja auch niemand wissen kann, weil die offizielle Mitteilung maximal zwischen „Pressemitteilung“ und „wir arbeiten daran“ schwankt.
Die Pointe ist nicht, dass die „Mecklenburg“ elektrisch fährt. Die Pointe ist, dass die elektrische „Mecklenburg“ der einzige Beweis dafür ist, dass Schwerin Zukunft kann. Den Rest erledigt die kommunale Verwaltung im eigenen Tempo. In dem Tempo, in dem eine Baustelle endet, wenn die Ausschreibung endet. Wenn die Ausschreibung endet. Ach so. Na dann.
Wer also am Wochenende eine Hafenrundfahrt auf der „Mecklenburg“ macht, sollte sich vorher ein paar Flaschen Bier kaufen. Altglas wegschmeßen geht in Schwerin gerade nur an zwei Ausweichstandorten. Willkommen in der klimaneutralen Hauptstadt. Auf dem Wasser geht’s. An Land ist noch Lieferzeit.
Quellen & Bildnachweis
Foto: Kibo FotoArt / Pexels
Quelle: Nordkurier, SN-Aktuell
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