Infrastruktur

Schwerin erfindet Uber für Arme: Ab 20 Uhr darf man sich im Bus aussuchen, wo man aussteigt

Willkommen in Schwerin, wo der Nahverkehr neuerdings so funktioniert wie ein Bringdienst: Wer ab 20 Uhr im Bus sitzt, darf dem Fahrer sagen, wo er raus will. „Halten auf Wunsch“ heißt das offiziell. Im Klartext: Schwerin hat Uber für ÖPNV-Nutzer erfunden, nur ohne App und ohne Preiskalkulation, die irgendjemand kontrolliert.

Der Nordkurier berichtete zuerst über das neue Sicherheitskonzept des Nahverkehrs Schwerin (NVS), das seit April getestet wird. Geschäftsführer Thomas Schlüter spricht von 55.000 Fahrgästen täglich, moderner Technik, digitalen Angeboten und einem klaren Fokus auf Sicherheit. Willkommen in der Zukunft. Sie kostet nichts extra, nur den Verlust der Illusion, dass Schwerin noch ein normaler Nahverkehr gehört.

Wunschhalt zwischen Haltestellen

Ab 20 Uhr dürfen Fahrgäste auf den Buslinien zwischen den regulären Haltestellen aussteigen. Sofern es die Situation erlaubt. Sofern der Fahrer zustimmt. Sofern nichts dazwischenkommt. Klingt nach Vertrauen in das eigene Personal, klingt nach Schwerin. Fahrer Bastian Dahlmann, seit 15 Jahren im Dienst, kennt die Abläufe. Kollegin Anja Becker auch. Beide sagen, das Konzept gebe den Fahrgästen ein sicheres Gefühl, gerade nachts in den Randgebieten, wo die Haltestellen weiter auseinanderliegen.

Was die Einführung des Konzepts nicht löst: Beleidigungen, raue Töne bei Fahrscheinkontrollen und das latente Risiko, das ein Busfahrer nachts immer im Hinterkopf hat. Sicherheitskräfte der BIP Dienstleistungen GmbH sollen künftig in Bussen, Bahnen und an Haltestellen präsent sein. Geschäftsführer Christian Blümel stellt klar: „Wir wollen nicht die Sheriffs in der Bahn sein.“ Eine beruhigende Aussage. Vor allem, weil sie das hätte sein können.

„In meinen 15 Jahren beim NVS kam es glücklicherweise bis jetzt nur zu einem richtig dollen Vorfall.“

Bastian Dahlmann, Busfahrer NVS, via Nordkurier

Wismar diskutiert noch

Während Schwerin schon testet, diskutiert das benachbarte Wismar noch. Die CDU-Fraktion dort hat laut wismar.fm beantragt, das Konzept ebenfalls zu prüfen. Man wolle auf Schweriner Erfahrungen zurückgreifen. Wismar macht das, was Schwerin vor fünf Jahren gemacht hat: erstmal eine Informationskampagne starten, Hinweise in Bussen und an Haltestellen anbringen, Webseiten aktualisieren, Social-Media-Kanäle bespielen. Und während Wismar noch Plakate druckt, halten in Schwerin die Busse schon auf Wunsch.

Polizeiinspektion-Chef Mattes Pienkoß nennt das Konzept eine „sinnvolle Erweiterung der Sicherheitsarchitektur im öffentlichen Raum“. Schön formuliert. Wer in Schwerin nachts auf den Bus wartet, darf sich jetzt also aussuchen, ob er näher an seinem Ziel rausgelassen wird oder ob der Fahrer sagt: Geht nicht, Verkehrslage. So funktioniert kommunale Sicherheit 2026: man muss nur nett fragen. Und Schwerin macht. Wismar überlegt noch. Wismar überlegt immer noch.

Foto: Niteshift (talk) / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Quelle: Nordkurier

Quelle: Google News Schwerin

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