Schwerin, die Landeshauptstadt der Liebe? Wohl eher der Verwaltung. Am Sonntag, dem 28. Juni 2026, um 14:15 Uhr fällt der Startschuss für ein Pilotprojekt der eher ungewöhnlichen Art: einen gemeinsamen Spaziergang für Menschen, die laut Eigenwerbung „Onlinedating satt haben, aber zu schüchtern sind, im Alltag jemanden anzusprechen“. Veranstalter ist die ehrenamtliche Initiative „Spielend Zusammenkommen“. Treffpunkt: Kanurenngemeinschaft am Faulen See.
Die Idee klingt im ersten Moment wie aus einer Zeitungsannonce von 1987 – und genau das ist wohl auch der Plan. Wer in Schwerin mit jemandem ins Gespräch kommen will, hat im Grunde drei Optionen: in der Schlange vor der Schlagloch-Reparaturkolonne, beim Warten auf den Bus Nummer 14, der wie immer zehn Minuten zu spät kommt, oder eben jetzt – auf einer zehn Kilometer langen Wanderung um den Faulen See, weiter um den kleinen Ostorfer See und über die Dwang-Brücke.
Zehn Kilometer Schicksal
Was hier als „romantisches Date-Format 2.0“ verkauft wird, ist in Wahrheit ein dreistündiger Ausdauertest. Wer nach fünf Kilometern glaubt, den oder die Richtige gefunden zu haben, hat noch fünf vor sich. Wer nach acht Kilometern realisiert, dass es doch nicht passt, kann die Liaison immerhin wortlos zu Ende schweigen – und sich beim Picknick wieder trennen.
Die Organisatoren werben mit „respektvollem Kennenlernen fernab von Dating-Apps“. Eine Formulierung, die in einer Stadt mit 96.000 Einwohnern und gefühlt ebenso vielen Pärchenprofilen auf Tinder fast wie eine Kapitulationserklärung klingt. Wo die Algorithmen versagen, muss offenbar der Wanderschuh herhalten.
„Ich hab’s per App versucht. Jetzt laufe ich halt. Ist ja auch Training.“ — Anonymer Teilnehmer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will
Wer mitläuft, hat schon gewonnen – oder verloren
Die Zielgruppe ist klar definiert: Singles bis maximal 60 Jahre. Wer älter ist, bleibt draußen – vermutlich aus Sorge, die Wandergruppe könne auf halber Strecke in eine Wanderstockdiskussion über Knieprobleme kippen. Hunde sind erlaubt, was die Sache gleichzeitig romantischer und absurder macht: Wer mit einem Golden Retriever an der Leine läuft, outet sich automatisch als erstes Streichel-Opfer der gesamten Truppe.
Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung nicht nötig. „Es kostet dich nichts, außer eventuell ein wenig Überwindung“, heißt es auf der städtischen Seite. Eine Formulierung, die in jeder anderen Branche als Warnhinweis durchgehen würde. Bei der Partnersuche klingt sie fast zärtlich.
Landeshauptstadt der glücklicheren MV
Die Initiative verfolgt nach eigenem Bekunden ein ehrgeiziges Ziel: „weniger Frust durch Einsamkeit für ein glücklicheres MV“. Wer in Schwerin lebt, weiß: Hier werden Probleme nicht gelöst, sondern in ehrenamtliche Initiativen umgewidmet. Fehlende ICE-Anbindung? Arbeitskreis. Leerer Haushalt? Förderverein. Single-Dasein? Wandergruppe.
Treffpunkt ist um 14:15 Uhr an der Kanurenngemeinschaft am Faulen See, Parkplätze gibt es an der Straße. Wer mit dem öffentlichen Nahverkehr anreist – und damit unwissentlich ein zweites Schweriner Problem illustriert – nimmt die Stadtbuslinie 14 bis Haltestelle Sternwarte. Die Strecke findet „bei jedem Wetter“ statt, also auch bei dem berüchtigten Schweriner Sommerregen, der zuverlässig genau dann einsetzt, wenn niemand einen Schirm dabeihat.
Einen Haken hat die Sache allerdings: Wer am Sonntag nicht teilnimmt, muss sich fragen lassen, warum nicht. Schwerin tickt so. Und wer beim nächsten Stadtfest ohne Partnerin oder Partner auftaucht, bekommt spätestens dann zu hören: „Du warst doch nicht am Faulen See?“
Foto: Jimmy Liao / Pexels
Quelle: Landeshauptstadt Schwerin
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