Gesellschaft

Schwerin, eine Person, eine Aktenkarre: Der hundertjährige Fahrstuhl im Maschinenraum des Welterbes

Schwerin ist Weltkulturerbe. Das wurde 2024 beschlossen, 38 Gebäude des Residenzensembles stehen jetzt auf der Liste. Am Sonntag war Welterbetag, und weil sich eine Stadt, die einmal Weltkulturerbe ist, auch so benehmen muss, hat das Landeshauptarchiv in der Graf-Schack-Allee seine Pforten geöffnet — inklusive eines Exponats, das den Titel tatsächlich verdient: ein elektrischer Aufzug aus dem Jahr 1911, gebaut von der Berliner Firma Carl Flohr, der bis heute funktioniert. Theoretisch.

Archivleiter Dr. René Wiese steht im Keller, dem „Maschinenraum“, wie er sagt, und zeigt auf eine Anlage, die noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammt. Holzvertäfelt. Platz für eine Person und eine Aktenkarre. In Europa wohl kaum noch ein zweites Mal funktionsfähig zu finden. Das ist die Sorte Welterbe, die in keinem Hochglanzprospekt steht, weil sie ehrlich ist: kein vergoldeter Barocksaal, sondern ein Fahrstuhl, der gerade mal einen Beamten und seine Akten gleichzeitig transportiert.

100 Jahre Technik — und trotzdem alltagstauglich

Ein knappes Jahrhundert lang war der Lift in Betrieb. Als das Haus vor einigen Jahren einen modernen Aufzug bekam, blieb der alte stehen — als technisches Denkmal mit echtem Mehrwert: er fährt noch, er ist nur nicht mehr im täglichen Dienst. Am Welterbetag durften ihn die Gäste nicht benutzen, aber ansehen. Das ist der Unterschied zwischen Denkmal und Funktionsgebäude: schauen erlaubt, drücken verboten.

Schwerin feiert das Residenzensemble seit dem 1. Juni eine ganze Woche lang. Am Sonntag dann der offizielle Aktionstag, 60 Veranstaltungen, 15 Partner. Alle Ministerien und die Staatskanzlei öffneten unter dem Titel „EinBlick in die Landesregierung“. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig empfing Welterbe-Fans in ihrem Büro, eine Sechsjährige namens Clara setzte sich an den Schreibtisch und verkündete ihr Regierungsprogramm. Sie würde als Politikerin alles für den Frieden tun. Für die Karriereplanung in Mecklenburg-Vorpommern ist das vermutlich die realistischste Bewerbung, die an dem Tag abgegeben wurde.

Archivschätze und Papierrestauratoren

Im Mittelpunkt stand eine Bündnisurkunde aus dem Jahr 1292, mittelniederdeutsch, zwischen Fürst Nikolaus von Werle, Fürst Wizlaw II. von Rügen, den Grafen Helmold und Nikolaus von Schwerin sowie den Fürsten Johann und Heinrich von Mecklenburg. Eines der ältesten Dokumente in mittelniederdeutscher Sprache, die im Archiv liegen. Papierrestauratorin Carmen Wallow erklärte im großen Saal, wie man solches Kulturerbe überhaupt am Leben hält. Antwort: vorsichtig, langsam, und mit dem Wissen, dass die Zeit nicht auf der Seite des Papiers ist.

„Gemeinsam für Frieden und Verständigung“ — so lautete das Motto des Welterbetags, aus dem der Schweriner Welterbe-Förderverein in diesem Jahr eine ganze Woche gemacht hat.

Schwerin, eine Person, eine Aktenkarre

Der Förderverein plant schon weiter. Dorin Müthel-Brenncke und Silvia Rabethge erklärten am Stand auf dem Welterbe-Platz, dass es im kommenden Jahr sehr gut möglich sei, dass es erneut eine Veranstaltungsreihe zum Welterbe geben werde. Linda Holung von der städtischen Stabsstelle Welterbe hatte das Programm koordiniert, 15 Partner standen bereit, 60 Angebote wurden gemacht. Das ist Provinzverwaltung mit Anspruch.

Am Ende bleibt das Bild eines Aufzugs, der so alt ist wie die Schweiz, so schmal wie ein Schweriner Aktenstapel und so unnötig im Alltag wie ein Weltkulturerbe-Titel in einer Stadt, die sich selbst gern als Dorf mit Schloss sieht. Aber er funktioniert. Theoretisch. Und in Schwerin ist „theoretisch“ historisch betrachtet schon die halbe Miete.

Foto: Faruk Tokluoğlu / Pexels

Quelle: Nordkurier

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