Schwerin, Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern, knapp 96.000 Einwohner, seit Jahrzehnten ohne ICE-Anschluss an die Bundeshauptstadt, darf sich nun über eine handfeste verkehrspolitische Großtat freuen: Der Flughafen Berlin-Brandenburg (BER) weitet sein FlixBus-Angebot aus, und ausgerechnet Schwerin steht auf der Liste der zusätzlich angebundenen Städte. Die Landeshauptstadt, die beim schnellen Weg in die Republik sonst vor allem durch das Fehlen schneller Wege auffällt, schließt damit endlich eine Lücke – nämlich die, zwischen Buxtehude und Bayreuth irgendwo im Reisebus-Fernverkehr mitgemischt zu werden.
Der Flughafen, nach eigenen Angaben drittgrößter Airport Deutschlands und laut Betreiber größter Haltepunkt im deutschen FlixBus-Netz, kündigte an, das Fernstreckenangebot im laufenden Jahr deutlich auszubauen. Geplant seien neue Direktverbindungen und dichtere Taktungen, hieß es. Profitieren würden davon nicht nur die üblichen Verdächtigen wie Leipzig und Jena, sondern explizit auch Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt. Sogar kleinere und mittelgroße Kommunen dürfen sich angesprochen fühlen, was die Frage aufwirft, in welche Kategorie Schwerin aus BER-Sicht eigentlich fällt.
Hochsaison mit 155 Bussen – und Schwerin ist „mit dabei“
In der Hochsaison 2026 werden am BER täglich bis zu 155 Busse halten, die rund 90 deutsche und 60 polnische Städte direkt und ohne Umsteigen mit dem Flughafen verbinden. Der Airport zählte 2025 eigenen Angaben zufolge zu den zehn passagierstärksten FlixBus-Haltepunkten in Deutschland. Wer in Schwerin in den Bus Richtung BER steigt, reiht sich also in ein Millionen-Passagiere-Netz ein – nur eben auf dem billigen Sitzplatz hinten links zwischen Reisegruppe und Schülerchor, statt in einem ICE, den es aus Schwerin schlicht nicht gibt.
Ergänzt wird das Angebot durch eine neue Saisonlinie, die im Juli und August zusätzlich die Ostseebäder Warnemünde, Bad Doberan und Kühlungsborn direkt mit dem BER verbindet. Für Schweriner Reisende bedeutet das: Wer im Sommer aus der Landeshauptstadt in den Urlaub will, kann künftig wenigstens auf dem Rückweg den Flughafen-Bus nehmen – vorausgesetzt, man startet nicht in Schwerin, sondern in Kühlungsborn. Der Umweg über die Seenplatte bleibt einem damit erhalten, und das ganz umweltfreundlich in einem Reisebus, der am BER ohnehin schon im Stau steht.
„Wir sind jetzt offiziell eine Stadt, die der BER auf der Website erwähnt. Das ist mehr, als wir von der Deutschen Bahn je bekommen haben.“
— Erfundener Schweriner Stadtrat, kurz vor der nächsten Hauptausschusssitzung
Aus polnischer Sicht bringt der Ausbau Verbindungen zwischen dem BER und Posen, Breslau sowie Stettin. Damit rückt der internationale Luftverkehr für Stettin mindestens so nah wie für Schwerin, was die Frage aufwirft, ob die Landeshauptstadt MV in puncto Erreichbarkeit inzwischen eher mit der Nachbarstadt in Polen oder mit dem Amt Bützow-Land konkurriert. Verbindungen nach Polen – ja. ICE nach Berlin, München oder Hamburg – Fehlanzeige. Das ist die Bilanz nach über drei Jahrzehnten Landeshauptstadt-Sein, in denen die Verkehrsanbindung gefühlt aus der Wendezeit konserviert wurde.
Landeshauptstadt im Reisebus-Fegefeuer
Die Pointe ist altbekannt und trotzdem brandaktuell: Während sich der BER als drittgrößter Flughafen des Landes inszeniert und die FlixBus-Frequenz hochfährt, karrt man in Schwerin jeden Pendler, Geschäftsreisenden und Touristen weiter mit Umstieg über Hagenow, Ludwigslust oder Berlin-Gesundbrunnen in die Welt hinaus. Eine Landeshauptstadt, die ihren Flughafenanschluss über einen Fernbusanbieter erhält, ist im Grunde ein Eingeständnis – und zwar das, dass man die eigenen infrastrukturellen Hausaufgaben in den vergangenen 30 Jahren schlicht nicht gemacht hat.
Der Flughafen spricht in seiner Mitteilung von einer Win-Win-Situation für die Region. Gewinner ist in erster Linie FlixBus, der sein deutsch-polnisches Streckennetz weiter verdichten darf. Gewinner ist auch der BER, der seinen Passagieren eine komfortable Anreise verspricht. Verlierer ist – wie so oft – der gemeine Schweriner, der jetzt weiß: Wenn er in den Flieger will, setzt er sich in einen Bus, der ihn mit 60 polnischen Städten gleichzeitig verbindet. Immerhin: international ist Schwerin damit auch ohne Konsulat schneller unterwegs, als es die Deutsche Bahn je hingekriegt hätte.
Foto: Florian Fèvre / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Quelle: Nordkurier: BER für Reisende aus Schwerin per Bus künftig besser erreichbar
Quelle: Nordkurier Schwerin
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