Schwerin macht es wieder: Ab dem heutigen Montag, dem 15. Juni 2026, beginnen auf der Bundesstraße 106 Bauarbeiten zur Fahrbahnerneuerung. Auf einem 3,5 Kilometer langen Abschnitt zwischen dem Sieben-Seen-Center und der Anschlussstelle Neumühle wird asphaltiert, gebaggert und – so viel darf man annehmen – auch gelitten. Und das bis voraussichtlich Mitte Dezember 2026. Sechs Monate. Ein halbes Jahr. Lang genug, dass der ein oder andere Pendler den Führerschein in dieser Zeit vermutlich zweimal erneuern müsste, wenn er denn überhaupt noch an sein Auto herankommt.
Schwerin gönnt sich die autofreie Zone – notgedrungen
Das Straßenbauamt Schwerin gibt sich alle Mühe, den Schaden klein zu reden: Die Bundesstraße bleibe „in beide Richtungen befahrbar“, heißt es. Allerdings: „Im Baustellenbereich steht jeweils nur ein Fahrstreifen zur Verfügung.“ Übersetzt bedeutet das: Aus einer vierspurigen Bundesstraße wird eine vierspurige Bundesstraße, auf der gefühlt zweieinhalb Spuren zur Verfügung stehen. Die andere eineinhalbe Spalte übernimmt der Gegenverkehr, der sich abwechselnd durch die Baustelle quält wie eine Seniorengruppe durch den Werksverkauf von Fissler.
Ich fahre seit 14 Jahren dieselbe Strecke zur Arbeit. Ich kenne jeden Schlagloch, jede Bodenwelle, jede schlecht programmierte Ampel. Aber eine sechsmonatige Baustelle, bei der man sich auf einer Einbahnstraße mit dem LKW von gegenüber anstarrt, ist neu. Neu und schlimmer.
— Anwohner aus Görries, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte
Hauptverkehrszeit ade – willkommen Dauerstau light
Besonders charmant: Die Bauarbeiten sollen „hauptsächlich außerhalb der Hauptverkehrszeiten“ stattfinden. Was im Klartext heißt: Statt morgens um 7 und abends um 17 Uhr im Stau zu stehen, steht man eben mittags um 12, abends um 19 Uhr oder sonntags um 8 Uhr im Stau. Die Hauptverkehrszeit wird also nicht verkürzt, sondern fein säuberlich über den gesamten Wochentag verteilt – eine Art kommunaler Lastenausgleich, den es so nur in Schwerin geben kann. Wer nach Feierabend noch kurz zum Edeka will, sollte fortan einen halben Tag einplanen. Die Strecke vom Sieben-Seen-Center bis Neumühle ist offiziell 3,5 Kilometer lang. In der neuen Realität sind das gefühlte 35.
Zwischen Görries und dem Hugo-Pfohe-Knoten ist laut Straßenbauamt mit „Einschränkungen“ zu rechnen. Das ist ungefähr so präzise wie die Aussage, in Schwerin sei „ab und zu“ mit Sonne zu rechnen. Wer in diesem Abschnitt wohnt, arbeitet oder zufällig ein Lebenszeichen von sich geben möchte, sollte das in den kommenden sechs Monaten entweder digital erledigen oder zu Fuß gehen. Wer ein Auto hat, lässt es am besten stehen. Nicht aus Überzeugung – sondern weil es schlicht keinen Parkplatz mehr gibt, wenn man es denn überhaupt durch die Baustelle schafft.
Wir empfehlen den Bürgerinnen und Bürgern, mehr Fahrzeit einzuplanen und aufmerksam zu fahren. Alternativ empfehlen wir den öffentlichen Nahverkehr. Der ist allerdings gerade auch ausgedünnt worden. Aber das ist eine andere Baustelle – im wahrsten Sinne des Wortes.
— Sprecher des Straßenbauamts Schwerin, in einer Pressemitteilung, die wahrscheinlich kein Mensch bis zum Ende liest
Landeshauptstadt der Schlaglöcher, bald Landeshauptstadt der Schilder
Das Straßenbauamt kündigt zudem an, dass es „zeitweise zu Sperrungen einzelner Abfahrten kommen“ könne. Eine schöne Formulierung. Wer regelmäßig die Abfahrt Richtung Lankow oder Krebsförden nutzt, darf sich also auf ein wöchentliches Rätsel freuen: Welche Ausfahrt ist heute wieder gesperrt? Wo ist die Umleitung? Und wohin genau führt die Umleitung, wenn drei Schilder in vier verschiedene Richtungen zeigen?
Man könnte fast meinen, die Stadtverwaltung habe sich vorgenommen, die Pendler in Schwerin auf das Leben in einer Kleinstadt ohne ICE-Anbindung, ohne vernünftigen Nahverkehr und jetzt auch noch ohne funktionierende Bundesstraße vorzubereiten. Aber das ist wahrscheinlich übertrieben. Wahrscheinlich. Die Realität in Schwerin ist schließlich oft absurder als jede Satire – und diese Baustelle legt noch einen drauf: sechs Monate B106, sechs Monate Pendler-Frust, sechs Monate Schwerin auf seinem ganz eigenen, holprigen Weg in die Zukunft. Fahrzeit einplanen. Aufmerksam fahren. Durchhalten. (schwerin)
Foto: Matthew Hamilton / Unsplash
Quelle: NDR
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