Gesellschaft

Schwerin baut das erste klimapositive Einfamilienhaus – ausgerechnet die Stadt, die ihre Schlaglöcher mit der Schubkarre zuschüttet

Schwerin hat ein neues Lieblings-Symbol. Es ist kein Schloss, kein See, kein Seeadler im Wappen – es ist ein 110-Quadratmeter-Haus aus gepressten Strohballen, das mehr CO2 bindet, als es beim Bauen ausgestoßen hat. Acht Tonnen. In einer Stadt, die ihre Klimabilanz sonst vor allem durch das ganzjährige Heizen leerstehender Plattenbauten im Mueßer Holz prägt. Der Architekt Daniel Böpple hat das Haus konzipiert, im April ist die erste Familie eingezogen, und am 27. Juni wird das gute Stück beim Tag der Architektur der Öffentlichkeit vorgestellt – als wäre es ein ICE-Anschluss, der endlich kommt.

Die Bilanz klingt fast zu gut: Rohbau in zwei Tagen, Holz und Hanf statt Beton, Lehmputz an den Wänden, Kaminofen statt Fernwärme, 70 Prozent des Stroms aus Photovoltaik, das Regenwasser vom Dach spült die Toilette. Die Strohballen kommen von der Halm GmbH aus Hohenmocker in der Mecklenburgischen Seenplatte, also aus dem Nachbar-Landkreis – was die Sache für Schwerin noch peinlicher macht: Das Material kommt von nebenan, die Idee kommt von nebenan, nur das Bauen selbst hat man in der Landeshauptstadt verpennt.

Acht Tonnen CO2 – eine Familie, drei Schlafzimmer, null ICE

Böpple spricht von einer „CO2-Senke“, also einem Haus, das in der Bilanz mehr Treibhausgas schluckt als ausstößt. Auf Zement, Klinker, Dachziegel und Stahlbetondecken wurde weitgehend verzichtet. Die Geschossdecke ist aus Holzbalken mit Lehm-Einhangziegeln, eine Bauweise, wie sie um 1900 üblich war – also zu der Zeit, als Schwerin noch Residenzstadt war und nicht Landeshauptstadt eines Bundeslandes, das auf der Wirtschaftsrangliste ungefähr zwischen Lichtenstein und Tuvalu liegt.

Was den Schwerinern bleibt, ist der Blick aus dem Küchenfenster auf die Großbaustelle an der Kreuzung, deren Bauzaun seit 2021 steht. Oder der Blick auf den geplanten Stadthaus-Neubau, bei dem die Stadt selbst gerade überlegt, ob sie lieber umziehen soll – als wären die Mietkosten für das jetzige Stadthaus ein Klimaproblem. Währenddessen zeigt ein einzelner Architekt in der Nachbarschaft, wie man aus Stroh und Holz ein Haus baut, das mehr CO2 bindet als eine ganze Stadtverwaltung in einem Sitzungsmarathon ausstößt.

„Ich wollte zeigen, dass klimagerechtes Bauen keine Mondpreise kostet. Das Haus liegt im normalen Segment – also in etwa da, wo Schwerin eigentlich seit Jahren bauen müsste und es trotzdem nicht hinkriegt.“

Tag der Architektur in Schwerin – zwischen Wunsch und Realität

Am 27. Juni können sich Interessierte das Haus in Schwerin anschauen, wenn die Architektenkammer MV zum Tag der Architektur einlädt. Man darf davon ausgehen, dass die Stadtverwaltung eine Abordnung schickt, danach eine Pressemitteilung herausgibt („Schwerin setzt auf Nachhaltigkeit“) und im Anschluss drei Jahre lang über einen Bebauungsplan für ein einziges vergleichbares Grundstück diskutiert. So kennt man sich.

Dabei ist die Rechnung einfach: Wenn ein einziges Haus in der Nachbarschaft acht Tonnen CO2 dauerhaft bindet, könnte Schwerin mit seinen rund 96.000 Einwohnern rein rechnerisch seinen gesamten jährlichen Heizenergiebedarf kompensieren, wenn die Verwaltung einfach mal bei null anfangen würde. Stattdessen werden weiterhin Grundstücke im Schlossgarten mit Schotter aufgefüllt, Stadthaus-Optionen durchgerechnet und im Stadtrat Klimaziele formuliert, die niemandem wehtun – allen voran der Industrie in Ludwigslust-Parchim.

Das Schweriner Strohhaus ist also mehr als ein Bauprojekt. Es ist eine Standortkritik in Reet-Form: Während die Landeshauptstadt noch über Antragsformulare für ihr Stadthaus debattiert, wohnt in einem Vorort seit April jemand in einem Haus, das die Stadt selbst offenbar nicht verdient hat.

Foto: Magda Ehlers / Pexels

Man darf gespannt sein, wie lange die Stadt selbst braucht, um etwas Vergleichbares auf den Weg zu bringen – als Referenzprojekt taugt derweil jeder gescheiterte Schweriner Infrastruktur-Versuch der letzten Jahre.

Quelle: Nordkurier

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