Willkommen in Schwerin, wo Bauprojekte denselben Status haben wie Wettervorhersagen: Man redet drüber, sie passieren trotzdem. Aktuelles Beispiel: 160 Wohnungen, die am Ziegelinnensee aus dem Boden gestampft werden sollen, während die Anwohner noch ihre Widersprüche formulieren.
Stellvertretender Oberbürgermeister Bernd Nottebaum (CDU) hat laut tagesschau.de bestätigt, dass mehrere Widersprüche von Anwohnern in der Verwaltung gelandet sind. Die Stadt hat die ersten davon schon abgewiesen. Widerspruch abgelehnt, Akte zu, nächster Punkt auf der Tagesordnung. So läuft das in unserer geliebten Landeshauptstadt.
Parkplätze? Wofür?
Die Hauptkritik der Anwohner: fehlende Parkplätze. 160 neue Wohnungen, also rechnerisch irgendwas zwischen 160 und 320 zusätzliche Autos, die irgendwo untergebracht werden müssen. Schwerin plant unterdessen, das Thema im nächsten Arbeitskreis zu besprechen. Vielleicht. Irgendwann. Nach der nächsten Wahl.
Der Investor kalkuliert derweil weiter. Der hat seine Hausaufgaben gemacht, der Bauvorbescheid ist formal korrekt, die Stadt sagt das, die Stadt weiß das, also wird gebaut. Wer in Schwerin ein Bauprojekt stoppen will, braucht entweder einen sehr guten Anwalt oder sehr viel mehr Geduld als der durchschnittliche Berufstätige aufbringen kann.
„Die Stadt hat einen korrekten Bauvorbescheid erteilt. Ob die Widerspruchsführer Klage einreichen wollen, sei ihnen überlassen.“
Bernd Nottebaum (CDU), stellvertretender Oberbürgermeister, via tagesschau.de
Petitionsausschuss als letzte Hoffnung
Die Bürgerinitiative hat sich an den Petitionsausschuss des Landes gewandt. Der hat in der vergangenen Woche getagt. Man darf gespannt sein, was dabei rauskommt. Erfahrungsgemäß landen solche Petitionen in Schwerin irgendwo zwischen Stadtbibliothek und Schelfkirche auf der Prioritätenliste. Also: Lichtjahre hinter dem nächsten Bauantrag.
Was bleibt den Anwohnern also übrig? Sie können klagen, sie können petitionieren, sie können eine Infoveranstaltung im September besuchen. Ach, die war schon. Im September. Vergangenes Jahr. Da war das Interesse groß, sagt die Stadt. Heute ist es nur noch frustrierend.
Schwerin baut, Schwerin wächst, Schwerin lässt sich nicht beirren. Parkplätze sind Detail, Anwohnerproteste sind Geräuschkulisse, Petitionsausschüsse sind Zeitvertreib. Solange der Bauvorbescheid korrekt ist, ist alles korrekt. Willkommen in der Landeshauptstadt. So funktioniert das hier. Und falls Sie sich beschweren wollen: nächste Infoveranstaltung kommt bestimmt. Irgendwann.
Foto: Migebert / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
Quelle: tagesschau.de
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