Schwerin ist eine Reise wert – aber bitte nur in eine Richtung. Das musste jetzt auch der 65-jährige Niederländer Ronnie Sluik am eigenen Leib erfahren. Der radbegeisterte Künstler war mit Fahrrad und Zelt auf dem Weg zu seinem jüngsten Sohn nach Norwegen, um mit ihm gemeinsam zur totalen Sonnenfinsternis am 12. August nach Spanien weiterzuradeln. Statt im Sonnenlicht der Iberischen Halbinsel steht Sluik nun in Neu Wandrum bei Freunden und ruft täglich bei der Schweriner Polizei an. Ergebnis seit Tagen: nichts.
Was war passiert? Irgendwo zwischen Brüsewitz und Frauenmark, einem Ortsteil von Veelböken – beides Orte, deren Namen schon klingen, als würde man sie erfinden, wenn man über MV spricht – habe sich eine Tasche vom Gepäckträger gelöst. In dieser Tasche: sein Reisepass. In Brüsewitz habe er noch ein Foto mit seiner Kamera gemacht und diese wieder zurück in die Tasche gesteckt, schildert der 65-Jährige. In Frauenmark sei ihm der Verlust dann aufgefallen. „Zweimal habe ich den Weg abgesucht, auf dem es passiert ist, aber ohne Erfolg.“
Mecklenburg-Vorpommern als Endstation
Seiner Einschätzung nach muss jemand die Tasche gefunden haben, da sie mitten auf dem Weg gelegen haben müsse. Diese optimistische Sicht auf die Dinge ehrt den Mann. Wer einmal mit dem Auto durch die Gegend zwischen Brüsewitz und Frauenmark gefahren ist, weiß: Dort findet eine Tasche niemand. Dort findet mancher sein Navi nicht wieder. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein ehrlicher Finder eine vergessliche Radtasche in den Polizeifunk von Mecklenburg-Vorpommern einspeist, liegt statistisch gesehen unter der Chance, in Schwerin pünktlich eine ICE-Verbindung zu bekommen – und die liegt bekanntlich bei null.
„Ich bin echt traurig und schlaflos.“ – Ronnie Sluik, 65, gestrandet in Neu Wandrum, am Telefon mit unserer Zeitung
Sonnenfinsternis im Wartestand
Die Konsequenzen sind hart: Ohne Reisepass keine Fähre nach Norwegen. Ohne Norwegen kein Spanien. Ohne Spanien keine Sonnenfinsternis mit dem Sohn. Die kosmische Konstellation vom 12. August – sie wartet nicht auf den Schweriner Polizeiapparat. „Bis in den Norden Dänemarks würde ich noch ohne Reisepass kommen, aber spätestens für die Überfahrt mit der Fähre nach Norwegen benötige ich das amtliche Dokument“, so Sluik. Er wolle noch ein paar Tage warten, bevor er sich auf den Rückweg in die Niederlande mache, um einen Ersatz zu beantragen – was wertvolle Zeit koste.
Was als ambitionierte Vater-Sohn-Tour quer durch Europa geplant war, ist in der nordkurier berichtete Vater-Sohn-Tour quer durch Europa, ist in der Realität eine Vater-Tochter-Stadt-Vater-Sohn-Tour mit ungewissem Ausgang. Die Anzeige bei der Polizei bedeutet nach Sluiks Worten, dass seine Reise „nun völlig zum Stillstand gekommen ist“. Man könnte auch sagen: Willkommen in Mecklenburg-Vorpommern. Hier bleiben Dinge stehen. Züge, Busse, Förderanträge – und jetzt auch die internationale Radwanderlust.
Für die Tourismuszentrale des Landes ist das natürlich ein Desaster. Man stelle sich vor: Ein 65-Jähriger radelt tausende Kilometer, kommt durch halb Europa, kämpft mit Wind und Wetter – und ausgerechnet an MV scheitert die Mission. Nicht an den Pyrenäen, nicht an der Sommerhitze in Andalusien, nicht an der Überfahrt über den Atlantik für seinen ältesten Sohn, der im vergangenen Winter auf einem Segelschiff im Pazifik zum Südpol unterwegs war. Nein, eine Satteltasche auf einer Landstraße zwischen zwei Dörfern, deren Einwohnerzahl sich gegenseitig übersteigt, macht den ganzen Plan zunichte.
Der Künstler – Sluik ist, wie berichtet, Künstler – wird derweil in Neu Wandrum ausharren, wo Freunde ihm ein Obdach gewähren. Ein paar Tage, vielleicht eine Woche. Dann geht es zurück in die Niederlande, ein neuer Pass muss her, und die Sonnenfinsternis vom 12. August? Die findet statt. Mit oder ohne ihn. So wie der ICE in Schwerin stattfindet – nur eben nicht.
Foto: Patrick Hendry / Unsplash
Quelle: Nordkurier
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