Gesellschaft

Projekt „Kindergarten-Cop“: Schweriner Polizei stattet Vorschulkinder mit roten Reifen aus – damit sie wissen, wo links ist

Willkommen in Schwerin, der Landeshauptstadt, in der die Polizei jetzt auch in der Kita steht. In der Weststadt, in der Kita Kirschblüte, üben 14 Fünf- und Sechsjährige dieser Tage das, was viele Erwachsene in Schwerin offenbar nur halbherzig beherrschen: das Überqueren einer Straße. Links schauen, rechts schauen, nochmal links. Die Polizeihauptmeisterin Jana Medzech und ihr Kollege Christof Koert zeigen Oskar, Jonte, Frieda, Romy, Leonie und den anderen, worauf es beim künftigen Schulweg ankommt. Das Projekt trägt den offiziellen Namen „Kindergarten-Cop“. Man könnte auch sagen: Prävention mit Kuschelfaktor. Oder: Polizeiarbeit, die so früh ansetzt, dass sie bei der Einschulung längst in Fleisch und Blut übergegangen sein soll. In MV, wo der Begriff „Schulwegtraining“ zum Grundwortschatz gehört, ist das keine Überraschung. Sondern ein weiteres Mosaiksteinchen in der Reihe schweriner Bildungsanstrengungen.

Das Schulwegtraining ist das dritte Modul. In den ersten beiden Modulen haben die Kinder gelernt, woran sie einen Polizisten erkennen und dass sie nicht mit Fremden mitgehen dürfen.

Juliane Zgonine, Polizeisprecherin Schwerin

Der Rote-Reifen-Anti-Verwechslungs-Schutz

Der Knaller der Aktion ist allerdings nicht der Schulweg selbst, sondern die pädagogische Vorarbeit. Damit die Kinder auch im Straßenverkehr auf Anhieb wissen, wo links ist, bekommen sie einen roten Reifen an den linken Arm. Rot links, klar. So weit, so einleuchtend. In leuchtenden Warnwesten geht es dann an die frische Luft, in Zweiergruppen, unter Argusaugen der Polizei. Verkehrssituationen werden durchgespielt. An Ampeln, Einfahrten und zwischen parkenden Autos ist besondere Vorsicht geboten. So weit, so normal. Bis auf eine Zahl, die im Bericht des Nordkuriers steckt: 800 Kinder werden pro Jahr auf den Schulstart vorbereitet. 800. Jedes Jahr. Das ist nicht Prävention. Das ist eine Produktionslinie.

Im vergangenen Jahr waren 18 Kinder in Schwerin als Radfahrer an Verkehrsunfällen beteiligt. Elf Mädchen und Jungen waren es als Fußgänger. Klingt nach wenig in einer Stadt mit rund 98.000 Einwohnern. Ist auch wenig. Aber es ist die offizielle Begründung für ein Programm, das 800 Vorschulkinder pro Jahr durch eine präzise choreografierte Polizeiveranstaltung schleust. Modul eins: Polizist erkennen. Modul zwei: Nicht mit Fremden mitgehen. Modul drei: Schulweg. Drei Module, einmal im Jahr, flächendeckend. Jede Kindertagesstätte in Schwerin nutzt das Angebot, sagt die Polizeisprecherin. Wer bei diesem Satz keine leichte Beklemmung verspürt, hat wahrscheinlich noch nie daran gedacht, wie viel Kontrolle eigentlich in dem Satz steckt.

Sicherheit als Massenabfertigung

Natürlich ist Verkehrserziehung sinnvoll. Sogar dringend sinnvoll. Wer seinem Kind mit auf den Weg geben will, dass es heil in der Schule ankommt, kann gar nicht früh genug anfangen. Insofern ist das, was Medzech, Koert und Zgonine in der Kita Kirschblüte aufführen, pädagogisch solide Arbeit. Es ist auch menschlich. Warnwesten für Fünfjährige, freundliche Worte, ein roter Reifen, damit die Welt ein bisschen übersichtlicher wird. Das ist das eine. Das andere ist das Ausmaß. 800 Kinder, drei Module, eine flächendeckende Quote. Wenn man aus „Sicherheit“ eine Kennzahl macht, ist man im Marketing der Polizeiarbeit angekommen. In der Sicherheitspolitik selbst klingt das schnell nach Aktenzeichen, Datenfriedhof und Berichtspflicht.

Insgesamt mehr als 800 Kinder würden in diesem Jahr auf den Schulstart vorbereitet.

Polizeisprecherin Juliane Zgonine, im Bericht des Nordkuriers

Was in der Kita Kirschblüte passiert, ist jedenfalls auch ein schönes Sinnbild für unsere geliebte Landeshauptstadt. Man nehme ein reales Problem, 18 Radfahrer, elf Fußgänger, gebe ihm einen freundlichen Titel, ein rotes Accessoire, eine Polizeiuniform und eine Zahl, die beeindruckend klingt. Fertig ist das Sicherheitsprodukt. Die Stadt kann sich als familienfreundlich inszenieren, die Polizei als Präventionskraft mit Wärme, die Kitas als durchversorgte Schutzräume, und am Ende steht die stille Frage, warum das Konzept „Sicherheit“ ausgerechnet an die Polizei delegiert wird, statt an Eltern, Schulen, Verkehrsplanung. Aber für solche Fragen ist in einer Stadt, die rote Reifen an Kinderausgibt, vermutlich keine Zeit.

Was bleibt, ist das Bild einer Fünfjährigen mit rotem Reifen am linken Arm. Sie weiß jetzt, wo links ist. Sie weiß, dass Polizisten vertrauenswürdig sind. Sie weiß, dass man nicht mit Fremden mitgeht. Sie weiß das, weil ihr die Polizei das beigebracht hat, bevor sie überhaupt weiß, was ein Bußgeld ist. In Schwerin ist das Alltag. In den meisten anderen Landeshauptstädten wirkt es ein bisschen viel. Aber wer in MV lebt, weiß: hier ist nichts zu viel, solange man es nur pädagogisch genug verpackt. Auch eine Produktionslinie kann man freundlich formulieren. Und ein roter Reifen, der rettet.

Foto: Tmv23 / Wikimedia Commons / CC BY 4.0

Quellen: Nordkurier (Projekt „Kindergarten-Cop“)

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