Stavenhagen. Die Jury ist sich einig, und das Land darf sich bestätigt fühlen: „Kuddelmuddel“ ist das plattdeutsche Wort des Jahres 2026. Eingereicht hat es der Plattdeutschkurs des Evangelischen Schulzentrums Demmin „Katharina von Bora“, die stellvertretende Schulleiterin Bianka von Pokrzywnicki hat den Hauptpreis am 30. Mai im Schloss zu Stavenhagen entgegengenommen.
Die Jury — und hier zeigt sich der feine Humor der Heimatverbände — befand das Wort „überzeugend, humorvoll und zugleich sehr gebräuchlich“. Übersetzt heißt Kuddelmuddel schlicht Durcheinander, also jener Zustand, den man in Mecklenburg-Vorpommern an so mancher Baustelle, in so manchem Behördenflur und in so mancher Landespressekonferenz mit dem ironischen Lächeln derjenigen erträgt, die ihn kennen.
Ein Preis, ein Land, ein Zustand
Kulturministerin Bettina Martin gratulierte und nutzte die Bühne, um die Sprache selbst zu feiern: „Plattdeutsch ist mehr als Tradition. Es ist Heimat, Sprache mit Witz, Wärme — und Plattdeutsch hat Zukunft.“ Letzteres ist ein schöner Satz, weil er exakt jene Zuversicht ausstrahlt, die man braucht, um eine Sprache zu pflegen, die in den Schulen gegen die Dominanz von Englisch, TikTok und der dritten Staffel Netflix-Serie ankämpft.
Immerhin: Mit dem erstmals vergebenen Jugendpreis „Junge Lüd bet 25″ geht die Jury genau dieses Problem an. Preisträgerin ist die 16-jährige Jule Bolz aus Siedenbrünzow, die das Wort „gnaddelig“ einreichte. Übersetzt: mürrisch, schlecht gelaunt — der emotionale Grundzustand der Pubertät, plattdeutsch formuliert. Wenn das keine kulturelle Leistung ist, dann wissen wir auch nicht.
„Plattdeutsch ist mehr als Tradition. Es ist Heimat, Sprache mit Witz, Wärme — und Plattdeutsch hat Zukunft.“ — Kulturministerin Bettina Martin
Die anderen Preisträger — eine Liebeserklärung in drei Sätzen
Der Publikumspreis ging an Siegfried Kasten aus Goldenstädt für die niederdeutsche Version von Homeoffice. Wir verraten die Übersetzung nicht, denn das wäre wie ein Witz, den man erklärt. Etwa 40 Prozent der Online-Abstimmenden wählten den Vorschlag, was so viel heißt wie: Auch im Land zwischen Ostsee und Müritz hat das Arbeiten von zu Hause die Bürokultur verändert — nur heißt es jetzt eben platt.
Die Redewendung des Jahres kommt von Gerlinde Block aus Lübz: „Man möt ierst krupen, ierhr man löppt.“ — Man muss erst kriechen, bevor man läuft. Ein Satz wie ein Lehrplan, eine Lebensphilosophie, ein Elternratgeber. Wer in Mecklenburg-Vorpommern aufwächst, bekommt ihn in der einen oder anderen Variante mit auf den Weg, und ehrlich gesagt ist er der einzige Existenzgründerratgeber, der wirklich funktioniert.
Unterstützt wird der Wettbewerb vom Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern und dem Fritz-Reuter-Literaturmuseum in Stavenhagen, mit kulturfördermitteln des Landes. Jährlich fließen rund 70.000 Euro in die Verbandsarbeit — also pro eingereichtem Wort genug Geld, um es sich gut gehen zu lassen. Plattdeutsch ist offensichtlich nicht nur Zukunft, sondern auch kalkulierbar.
Wer jetzt Blut geleckt hat: Die 6. Plattdeutschen Wochen laufen noch bis zum 28. Juni 2026, Schirmherrin ist Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Lesungen, Bücherabende, Theateraufführungen — das volle Programm. Wer danach immer noch glaubt, Plattdeutsch sei nur was für alte Leute am Stammtisch, hat das „gnaddelig“ nicht verstanden.
Foto: TomArgus / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
Quelle: Regierung MV
Quelle: Regierung MV Pressemitteilungen
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