Kurioses

Omas Kaffeetafel ist tot – wir schaffen es nicht mal mehr, Würstchen zu grillen, ohne einen Ernährungsberater zu rufen

Schwerin / MV. Es gab eine Zeit, da war eine Grillfeier das, was sie sein sollte: ein Holzkohlefeuer, ein Satz Bratwürste, ein paar Brote, ein Kasten Bier, fertig. Wer keinen Kartoffelsalat aß, war selber schuld. Wer kein Fleisch wollte, blieb halt am Rand stehen und trank sein Bier.

Diese Zeit ist nicht vergangen – sie wurde abgeschafft. Mit Mehrheit. Per WhatsApp-Umfrage und in bester Absicht. Wer heute in Mecklenburg-Vorpommern zu einem „kleinen Grillabend“ einlädt, muss vorher in etwa klären: glutenfrei, laktosefrei, histaminarm, fructosefrei, vegan, vegetarisch, zuckerfrei, koffeinfrei, low FODMAP, paleo, ketogen, nussfrei, sojafrei, milcheiweißfrei. Wer das nicht abfragen kann, lädt eben nicht mehr ein. Wer es abfragt, hat trotzdem keine Lust mehr.

„Früher war Partyplanung einfach. Bier kaltstellen, Kartoffelsalat anrühren, Steaks und Bratwürste auf den Grill. Fertig. Höchstens die Frage nach Korn, Kirsch oder Kräuterlikör konnte zu Debatten führen.“

So fasst es der Nordkurier in einem Meinungsstück zusammen, das derzeit durch die Republik wandert wie einst die Mitteilung „bei uns gibt es heute Abend leider nur Nudeln mit Soße“. Der Autor malt das goldene Zeitalter aus, in dem Omas Kaffeetafel ein „Ort wohltuender Klarheit“ war: Frankfurter Kranz oder Schwarzwälder Kirschtorte, Kaffee mit Milch oder ohne, und wer es besonders wild mochte, nahm Zucker. Heute dagegen: Haferdrink, Mandelmilch, laktosefreie Sahne – und Gespräche, die sich um Darmflora, Mikrobiome und Erschöpfungssyndrome drehen. Wer heute eincheckt, bringt ein Befundheft mit.

Die Selbstdiagnose als neue Volksbeschäftigung

Natürlich – und das schreibt der Nordkurier ausdrücklich – gibt es Menschen mit echten Unverträglichkeiten. Die hat es immer gegeben, Zöliakie ist keine Erfindung des Internets. Was sich geändert hat, ist die Frequenz, mit der sich jeder Mensch zwischen 25 und 55 ein eigenes Etikett verpasst. Wo früher über Fußball, Urlaub oder das Wetter geredet wurde, dreht sich das Gespräch heute um Mitochondrien, Histamin-Trigger und ob die Müdigkeit vom letzten Herbst war oder schon das dritte Burn-out in Folge ist. Die Urgroßeltern erzählten vom Ziehen im Rücken – heute diagnostiziert mancher schon beim ersten Gähnen.

Das Ergebnis kennt jeder, der in den letzten Jahren mal eine Einladung verschickt hat. Aus dem „kannst du noch Brötchen mitbringen“ wird ein 14-Nachrichten-Thread, in dem am Ende jemand schreibt: „Geht bei mir gerade nicht, ich teste gerade Autoimmunprotokoll.“ Aus dem Wochenende wird ein Diät-Seminar. Aus der Wiese wird ein Kongressraum.

Die Party als Anamnese

Man darf das lächerlich finden, ohne die echten Fälle zu verhöhnen. Man darf aber auch festhalten: Wer in Schwerin noch wissen will, wie der Konflikt zwischen Esstradition und Zeitgeist wirklich aussieht, sollte einen Blick auf die Senioren werfen, die ihren asiatischen Lieferdienst mit gebratenen Forellen aus dem Fenster bewarfen – als der Lieferando-Mann eine Lieferung verweigerte. Eine Grillwurst ist kein moralischer Test. Eine Einladung ist keine ärztliche Sprechstunde. Und ein Kartoffelsalat ist kein Medikament, das abgesetzt werden muss, weil er Mandeln enthält, die in fünf Kilometern Entfernung einmal mit Luft in Berührung kamen.

Mecklenburg-Vorpommern, das Land der Schmalzstullen und Wursttheken, hätte eigentlich das Zeug dazu, dem Treiben etwas entgegenzusetzen. Stattdessen importiert es jeden Trend aus Berlin-Prenzlauer Berg, mit drei Jahren Verzögerung und doppelt so viel Pathos. Die einstige Pommes-Metropole aus dem TV-Koch-Bericht bekommt jetzt endlich einen Sternekoch – aber die Bratwurst auf dem Grill? Die traut sich keiner mehr zu grillen. Stattdessen importiert es jeden Trend aus Berlin-Prenzlauer Berg, mit drei Jahren Verzögerung und doppelt so viel Pathos. Vielleicht ist das der wahre Grund, warum so viele Grills in MV seit Monaten kalt bleiben: nicht das Wetter, nicht der Regen, nicht die Wurstpreise – sondern die Angst, jemand könnte sich beim Bissen in die Bratwurt mit etwas Undefinierbarem anstecken. Zum Beispiel: mit Spontanität.

Die guten alten Zeiten kommen nicht zurück. Ein bisschen weniger Selbstdiagnose wäre trotzdem ein Anfang.

Bildquelle: 4028mdk09 / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Quelle: Nordkurier – Meinung: Früher gab es Bratwurst für alle

Foto: RitaE / Pixabay (Beispielhaft, da keine Daten vorhanden)

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