Schwerin hat einen neuen Tourismus-Hotspot, von dem kein Reiseführer redet: den Bereich zwischen Keplerpassage und Keplerplatz im Mueßer Holz. Dort hat die Polizei in den vergangenen Wochen eine monatelange Aktion gegen die Drogenkriminalität gefahren – mit einem Ergebnis, das in jeder anderen Stadt Schlagzeilen gemacht hätte. Zehn Haftbefehle wurden vollstreckt, mehr als zehn Kilogramm Betäubungsmittel und größere Bargeldsummen wurden beschlagnahmt. Sechs Kilogramm davon: Marihuana. Man könnte auch sagen: Die Ausbeute einer kleinen Plantage.
Was die Sache für Schwerin politisch brisant macht, ist nicht die Zahl allein, sondern der Ort. Mueßer Holz ist mit seinen rund 25.000 Bewohnern das größte Neubaugebiet der Landeshauptstadt. Wenn dort in einem einzigen Areal zwischen zwei Plattenbau-Passagen so viel Ware den Besitzer wechselt, dass die Polizei mit verdeckten Ermittlern, Hunden und Wohnungsdurchsuchungen anrücken muss, dann ist das kein Schwerpunkt „Am Stein“ – das ist ein Schwerpunkt Schwerin.
Anwohner hatten sich beschwert – die Polizei hörte zu
Die Polizei spricht von Hinweisen aus der Bevölkerung und Beschwerden über mutmaßlichen Drogenhandel als Auslöser der Aktion. Das ist bemerkenswert, weil es zwei Dinge gleichzeitig offenbart: Erstens, die Anwohner im Mueßer Holz trauen sich noch, die 110 zu wählen. Zweitens, sie waren es offenbar leid. Über Wochen habe man auf stärkere Polizeipräsenz und verdeckte Ermittlungen gesetzt, heißt es. Am Ende standen zehn Haftbefehle, die vollstreckt wurden, und die Erkenntnis, dass die Lage sich „deutlich beruhigt“ habe. Was wiederum heißt: Davor war sie deutlich unruhig.
„Wenn Sie mit dem Kinderwagen am Keplerplatz nicht mehr in Ruhe Spazieren gehen können, ohne dreimal gefragt zu werden, ob Sie was kaufen wollen, dann klingelt irgendwann das Telefon. Bei uns hat es geklingelt.“
Zehn Haftbefehle – und die Frage nach dem Rest
Was die Polizei nicht sagt, aber jede Schwerinerin und jeder Schweriner sich fragt: Wenn ein einziger Schwerpunkt zwischen zwei Passagen so eine Razzia rechtfertigt – was läuft dann in den Vierteln, über die niemand redet? Die Keplerpassage ist nicht der einzige Ort in Schwerin, an dem sich abends Gruppen bilden, die nicht auf den Bus warten. Nur hat im Mueßer Holz offenbar jemand das Mobiltelefon in die Hand genommen. Die anderen Stadtteile müssen sich fragen, warum sie es nicht tun – oder warum die Polizei dort noch nicht hingehört hat.
Die Landeshauptstadt hat offiziell rund 96.000 Einwohner. Wenn ein einziger Schwerpunkt zehn Haftbefehle produziert und sechs Kilogramm Marihuana zutage fördert, dann klingt das nach einer Stadt, die ihre Kontrolle über den öffentlichen Raum an einigen Stellen längst abgegeben hat. Die Polizei hat zurückgeholt, was ging. Gratulation. Was bleibt, ist die Frage, ob Schwerin den Rest alleine regelt oder ob die nächste Anwohnerin in einem anderen Viertel auch erst beim dritten Telefonat die Nummer der Polizei wählt.
Bis dahin gilt im Mueßer Holz das, was nach jeder Razzia gilt: kurz Ruhe, dann das Geschäft. Schwerin ist halt eine Stadt, in der selbst die Kriminellen mehr Durchhaltevermögen haben als die Bauverwaltung.
Foto: Markus Spiske / Pexels
Es ist nicht das erste Mal, dass sich Bürger im Viertel selbst darum kümmern, dass Mueßer Holz überhaupt noch benutzbar bleibt – zuletzt räumten Freiwillige dort kiloweise Müll und Zigarettenkippen auf. Nur diesmal standen keine Geocacher vor der Tür, sondern die Polizei.
Quelle: NDR
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